Seiner Zeit weit voraus: Was wir an Samuel Hahnemanns Geburtstag über Prävention und Heilkunst lernen können
Seiner Zeit weit voraus: Was wir an Samuel Hahnemanns Geburtstag über Prävention und Heilkunst lernen können
Warum zentrale Ideen moderner Gesundheitspolitik bei Hahnemann bereits angelegt sind
Am 10. April wird traditionell Samuel Hahnemann gedacht, meist als Begründer der Homöopathie. Doch wer ihn darauf reduziert, übersieht einen entscheidenden Aspekt: Hahnemann dachte, formulierte und praktizierte Medizin in einem wesentlich weiteren Rahmen. Er implementierte Lebensweise, Umwelt und Prävention in die Praxis, lange bevor diese Themen überhaupt Teil gesundheitspolitischer Debatten wurden.

Was würde Samuel Hahnemann heute wohl auf sein Praxisschild schreiben?
Der Ansatz einer „integrativen Medizin“, die heute in aller Munde ist und oft auf eine ärztlich-evidenzbasierte Medizin zurechtgeschnitten wird, ist alles andere als neu und wurde von vielen Ärzten und Heilkundigen schon lange vor der Ära der modernen Medizin verfolgt. Aus medizinhistorischer Sicht kann man integrative Aspekte ganz besonders auch bei Samuel Hahnemann finden. Zu bedenken ist dabei, dass dieser zum Ausgang des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts praktizierte – in einer Zeit also, in der die Therapie noch überwiegend auf humoralpathologischen Grundlagen fußte und eine „vernetzte“ Strategie bei der Behandlung Kranker nahezu unbekannt war.
„Organon der Heilkunst“
Hahnemann nannte sein Hauptwerk mit Bedacht „Organon der Heilkunst“ – und nicht etwa „Organon der Homöopathie“. Dem entsprechend zeigt er sich darin von Beginn an als Vorreiter des Gedankens an eine integrative Medizin. So betont er den Wert präventiver Maßnahmen, etwa in § 4, wenn er vom Behandler fordert, dass dieser „die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge kennt und sie von den gesunden [!] Menschen zu entfernen weiß.“ Erkranke der Mensch durch „vermeidbare[] Schädlichkeiten“, worunter Hahnemann neben bestimmten Nahrungs- und Genussmitteln auch die anhaltende Entbehrung von „zum Leben nöthige[n] Bedürfnisse[n]“ zählt sowie „Mangel an Bewegung oder freier Luft“, oder auch ein Leben „in stetem Verdrusse“ – sei derart herbeigeführten Leiden durch entsprechende Eingriffe in die Lebensweise zu begegnen (§ 77). Bevor man sich für eine Behandlung entscheidet, seien weitere Erkundigungen einzuholen, die einen Einfluss auf die Therapieentscheidung haben können. § 208: „Nächstdem muss das Alter des Kranken, seine Lebensweise und Diät, es müssen seine Beschäftigungen, seine häusliche Lage, seine bürgerlichen Verhältnisse u.s.w. in Rücksicht genommen werden, ob diese Dinge zur Vermehrung seines Übels beigetragen, oder in wiefern alles dieß die Cur begünstigen oder hindern könnte. So darf auch seine Gemüths- und Denkungs-Art, ob sie die Cur hindere oder ob sie psychisch [nicht: homöopathisch] zu leiten, zu begünstigen oder abzuändern sey, nicht aus der Acht gelassen werden.“
Wenn sich aber Behandlungsbedarf ergibt, werden zunächst die Voraussetzungen für eine Heilung geschaffen. Dazu dienen mitunter kausale Maßnahmen, wie zum Beispiel chirurgische Eingriffe – Hahnemann nennt als Beispiele die Entfernung eingedrungener Fremdkörper, angeborene Anomalien oder auch „Blasensteine“ (§ 7, Anmerkung).
Und wenn Arzneimittel eingesetzt werden? Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass Hahnemann diese grundsätzlich nach dem Ähnlichkeitsprinzip auswählte. Aber er kannte auch Ausnahmen, und zwar bei drohender Lebensgefahr, also in der Notfallmedizin (§ 67, Anmerkung 1). Dann nämlich kommen mitunter „palliative“ Maßnahmen zum Einsatz.
Noch ein Wort zu flankierenden Maßnahmen. Die sinnvollen diätetischen, hygienischen und die Lebensweise betreffenden Veränderungen wurden oben bereits erwähnt. Daneben wandte Hahnemann durchaus weitere Therapieverfahren an, etwa Hydrotherapie (§ 291), aber auch den „Mesmerismus“ (als „tierischen“) bzw. magnetisierte Stahlstäbchen (als „mineralischen“) Magnetismus – beides seinerzeit weit verbreitete Methoden.
Darüber hinaus zeigte sich Hahnemann als aufmerksamer Beobachter neuerer Entwicklungen in der Medizin. So war er begeistert von der Idee der (Pocken-) Impfung (Anmerkung zu § 46). Auch verwendete er als einer der ersten Ärzte einen damals (1816) neu eingeführten Vorläufer des Stethoskops.

Stethoskop aus der Pariser Praxis Samuel Hahnemanns (1840).
Bildnachweis: Institut für Geschichte der Medizin, Stuttgart
Primum non nocere
Berücksichtigt sei an dieser Stelle noch, dass zumindest ein Teil des therapeutischen Erfolgs Samuel Hahnemanns auf die Vermeidung damals üblicher, drastischer Behandlungsmethoden zurückzuführen sein dürfte. Er ließ die Kranken bekanntlich nicht (oder nur sehr selten) zur Ader, wandte keine Brech- oder Abführkuren an, verabreichte keine toxischen Mengen an Quecksilber oder Blei. Glücklicherweise sind derartige Verfahren aus der Medizin seit Langem verschwunden. Und dennoch bleibt das Schadenspotenzial von Therapiemethoden bei deren Verordnung auch heute noch zu berücksichtigen. Nach Möglichkeit sollte man solche wählen, die hinsichtlich etwaiger Nebenwirkungen weniger problematisch sind – wie beispielsweise die Homöopathie. Potenziell inadäquate Medikation dagegen muss kritisch betrachtet werden. Dass eine solche Entscheidung erst nach genauer Abwägung und unter Berücksichtigung alle Faktoren (etwa des Behandlungsziels) getroffen werden darf, versteht sich von selbst.
Homöopathie ist mehr
Bis hierhin ist von der homöopathischen Behandlung im Speziellen noch gar keine Rede und ich möchte an dieser Stelle im Detail auch gar nicht darauf eingehen. Nur so viel: auch der Homöopathie sind integrierende Ansätze bereits immanent. Die spezielle Methodik der Körper, Geist und Seele umfassenden Anamnese und individualisierenden Krankheitsbetrachtung finden wir heute in der modernen Mind-Body-Medizin wieder, inklusive der Förderung des Verständnisses für Krankheits- und Genesungsprozesse bei den Patient*innen. Die damit einhergehende Sensibilisierung für gesundheitsrelevante Lebensumstände fördert die Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung. Es geht in einer „homöopathischen Praxis“ eben nicht allein um die Verabreichung von Globuli.
Fazit:
Samuel Hahnemann war nicht „nur“ Homöopath. Er verstand sich, so wie er auch das Organon titelte, zuerst als „Heilkünstler“. Integrativer, als man oft denkt – ob im Sinne heutiger Definitionen der Integrativmedizin, sei dahingestellt. Er beherrschte sein Handwerk (die Homöopathie) und wusste genau, wie man die Voraussetzungen für eine Genesung und Gesunderhaltung schafft, wo die Grenzen der eigenen Therapie liegen und welche flankierenden Maßnahmen unterstützen können. Welchen Grund könnte es geben, modernen Kritikern der Homöopathie beizupflichten und vom Besuch einer homöopathischen Praxis grundsätzlich abzuraten? Mir fällt keiner ein – im Gegenteil: eine homöopathische Therapie, ob in der begleitenden (komplementären) oder auch alleinigen Anwendung, stellt aus meiner Sicht eine wichtige und wertvolle Option im medizinischen Spektrum dar. Homöopathie gehört – als wertvoller Bestandteil einer menschengerechten, integrativen Medizin – gefördert, nicht bekämpft!
Mülheim, zu Samuel Hahnemanns Geburtstag am 10. April
Stefan Reis


