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225 Jahre Homöopathie – Eine Laudatio von Stefan Reis

Im neunzehnten Jahrhundert gab es bedeutende Veränderungen der Lebensbedingungen der Menschen. Die Hygiene machte riesige Fortschritte, in den Städten wurden Abwassersysteme eingerichtet, um nur zwei wichtige Beiträge zu nennen.

Allein diese Verbesserungen führten natürlich zu einem Rückgang an Infektions- und Mangelerkrankungen. Auch die Medizin ging damals neue Wege. Einer der Protagonisten war Samuel Hahnemann, der 1796 – vor nunmehr 225 Jahren – sein neu gefundenes Heilprinzip öffentlich machte.

Zweieinviertel Jahrhunderte Homöopathie sind durchaus beachtlich. Die ungebrochene Akzeptanz in der Bevölkerung weltweit ist allein schon Beleg für die Wirksamkeit und dürfte – allen gegenteiligen Bemühungen zum Trotz – garantieren, dass die nächsten runden Geburtstage auch noch gefeiert werden dürfen. Aber es hat sich auch viel getan in dieser Zeit, die Homöopathie ist nicht bei Hahnemann stehen geblieben. Sei es, dass das eine oder andere Konzept Hahnemanns durchaus kontrovers diskutiert wurde und wird (ich denke vor allem an seine Miasmentheorie) sei es, dass zahlreiche weitere Arzneien Eingang in die homöopathische Materia medica gefunden haben. Auch das Verfahren der Arzneimittelprüfungen hat sich entwickelt, beispielhaft sei hier die Verblindung genannt. Verschiedene methodische Ansätze wurden entwickelt, von denen einige wieder fallen gelassen, andere nach vielen Jahren des Schattendaseins wieder „reaktiviert“ wurden, wofür übrigens vor allem Heilpraktiker*innen verantwortlich zeichneten.1 Die Homöopathie erwies sich in Epidemien als effektiv2 und stellt für chronisch kranke Menschen eine echte Chance dar, während die konventionelle Medizin hier oft keine Therapieoptionen anzubieten hat. In naher Zukunft kann der Einsatz der Homöopathie, etwa in der Landwirtschaft, einen Beitrag leisten zur Reduktion des Verbrauchs an Antibiotika, dadurch der Entstehung von resistenten Keimen entgegenwirken und die Belastung unserer Ressourcen minimieren.

Interessant ist, dass das gleichaltrige Impfen eine ähnliche Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat, wenngleich die Akzeptanz in Homöopathenkreisen sicher geringer ist, als beim Gros der Bevölkerung.

Dabei war Samuel Hahnemann seinerzeit durchaus ein Fürsprecher der damals neu entwickelten Jenner’schen Kuhpockenimpfung, lobte sie als „Wohlthat“ und pries ihren Erfolg, wodurch „die jetzige Generation gar keine anschauliche Vorstellung von jener scheußlichen Menschenpocken-Pest mehr hat.“ Ebenso war ihm die konzeptionelle Nähe von Homöopathie und Impfung offenbar bewusst, schrieb er die Effizienz Letzterer doch dem darin umgesetzten „similia similibus“ zu. Bei aller Zustimmung zum grundlegenden Konzept der Impfung war Hahnemann aber doch skeptisch, wenn es um deren Ausführung ging. So befürchtete er die Übertragung der so genannten „Psora“, und in der Tat war die Inokulation von pathogenen Keimen zur Zeit der Jenner‘schen Pockenimpfung wohl keine Seltenheit. Diese und andere, teils schwere Nebenwirkungen der Pockenimpfung, waren Hahnemann bekannt und er hat sie im Zuge seiner Patientenkonsultationen auch dokumentiert. Wegen eben dieser bestenfalls mäßigen Verträglichkeit nimmt es nicht Wunder, dass sich seinerzeit eine breite (pocken-)impfkritische Bewegung entwickelte. In der Folgezeit zeigte sich, dass auch andere Impfungen durchaus Probleme bereiten können. So wird gerade in naturheilkundlichen Praxen häufig ein (zumindest zeitlicher) Zusammenhang zwischen einer Impfung und dem Ausbruch einer Krankheit konstatiert. Auch ich kann nach meinen Beobachtungen einen engen zeitlichen Zusammenhang zwischen einer Impfung (aber auch andersartigen „Stressoren“), und beispielsweise dem Beginn einer Neurodermitis oder anderen chronischen Krankheit, bestätigen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den Homöopath*innen keine einheitliche Haltung gegenüber Impfungen beobachten lässt. Weder sind alle Kolleg*innen uneingeschränkt für das Immunisieren in jeder denkbaren Form, noch ist zu beobachten, dass Homöopath*innen quasi automatisch, als gehöre es zu ihrer „homöopathischen DNA“, moderne Impfungen ablehnen. Gleichwohl finden wir Vertreter*innen beider kategorischer Pole in unseren Reihen. Aber wie auch immer sich die/der Einzelne zum Thema positionieren mag, hinsichtlich unserer Patient*innen müssen wir berücksichtigen, dass diese ihre Entscheidung zwar bestmöglich informiert, am Ende aber eigenverantwortlich treffen müssen. Ist dann eine Entscheidung gefallen, werden wir sie respektieren und mittragen, auch wenn wir für uns selbst womöglich anders entscheiden würden.

So sind wir Homöopath*innen mit dem Thema des Impfens immer wieder konfrontiert – im beruflichen wie im privaten Umfeld, und unsere Patient*innen wie unsere Familien erwarten von uns eine Positionierung. Vielleicht ist es anlässlich eines gemeinsamen Jubiläums nicht verkehrt, dieses Thema vorurteilsfrei noch einmal zu beleuchten.

 

1 Siehe dazu: „Homöopathie ohne Heilpraktiker – undenkbar!“ von Helmut Schnellrieder
(VKHD aktuell 01/2020 sowie, überarbeitet, in: Homöopathie Zeitschrift 1/21).
2 Anton Rohrer: Epidemie und Homöopathie (2008), abrufbar unter: https://www.hahnemann.at/docs/documenta2008.pdf
3 ORG VI, Anm. zu § 56

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