Mein Leben als gefährlichste Person Deutschlands
Mein Leben als gefährlichste Person Deutschlands
Eine Homöopathin berichtet aus dem Zentrum der Republikgefährdung
Es ist ein eigenartiges Gefühl, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass man, folgt man der Dramaturgie mancher Debatten, nicht einfach nur in den Tag startet, sondern womöglich einen nicht unerheblichen Beitrag zur Erosion der Vernunft leistet. Noch bevor der erste Tee durchgezogen ist, steht bereits der Vorwurf im Raum, hier arbeite jemand an der Unterwanderung des aufgeklärten Denkens. Und das mit nichts weiter als einem Terminkalender und der kühnen Behauptung, Individualität sei relevant.
Ich arbeite mit Homöopathie. Das genügt inzwischen, um nicht nur fachlich eingeordnet zu werden, sondern weltanschaulich. Aus einer therapeutischen Methode wird eine Haltung. Aus Globuli wird eine Gesinnung. Aus der Entscheidung für ein Arzneimittel ein Verdachtsmoment.
In manchen Darstellungen klingt es, als beginne mit einer homöopathischen Verordnung bereits der Abschied von der Aufklärung. Als läge zwischen einem Mittel gegen Heuschnupfen und dem Misstrauen gegenüber allem Etablierten nur ein schmaler Grat. Die Dramaturgie ist wirkungsvoll. Sie lebt von Zuspitzung. Sie lebt nicht von Differenzierung.
Mein Alltag hingegen ist weit weniger spektakulär, als es manche Erzählungen nahelegen. Er besteht aus Gesprächen mit Menschen, die Diagnosen mitbringen, Befunde kennen und medizinisch angebunden sind. Sie suchen keine Weltanschauung. Sie suchen Linderung. Viele kommen ergänzend, nicht ersetzend. Sie wollen verstehen, was mit ihnen geschieht, und eine Behandlung, die ihre individuelle Ausprägung ernst nimmt.
Ich frage nach Details, die in keiner Leitlinie stehen: nach Empfindungen, nach individuellen Ausprägungen, nach dem, was Beschwerden verschlechtert oder erleichtert. Nicht das Mittel gegen „die Migräne“ interessiert mich, sondern das Arzneimittel für diesen einen Menschen mit seiner konkreten Art, Migräne zu erleben. Das ist keine Absage an die Wissenschaft. Es ist eine andere Perspektive innerhalb einer pluralen Wirklichkeit.
Die Vorstellung einer geistigen Rutschbahn bleibt dennoch beliebt. Erst Globuli, dann Systemzweifel. Erst Ähnlichkeitsprinzip, dann Realitätsverlust. Diese Erzählung unterstellt, dass Menschen nicht unterscheiden können. Sie spricht ihnen Urteilsfähigkeit ab und nennt das Aufklärung.
Meine Arbeit kennt Grenzen. Sie setzt ärztliche Abklärung voraus, wo sie erforderlich ist. Sie verweist weiter, wenn Symptome es verlangen. Sie ersetzt keine Notfallmedizin und keine Diagnostik. Sie ergänzt dort, wo Menschen das Bedürfnis haben, nicht nur als Fall, sondern als Person wahrgenommen zu werden.
Vielleicht liegt die eigentliche Irritation genau dort. In der Zumutung, dass individuelle Erfahrung Bedeutung haben könnte. In der Behauptung, dass Subjektivität nicht automatisch Irrationalität ist. In der leisen Weigerung, das Gespräch über Gesundheit ausschließlich in Messwerten zu führen.
Am Ende des Tages bleibt von der zugeschriebenen Gefährlichkeit wenig übrig. Keine unterwanderte Republik. Keine kollabierende Vernunft. Sondern Menschen, die informiert entscheiden, abwägen und Verantwortung übernehmen.
Falls das genügt, um als „gefährlichste Person Deutschlands“ zu gelten, dann scheint weniger meine Praxis erklärungsbedürftig als die Erzählung, die aus ihr eine Bedrohung macht.
Skandalisiert wird nicht die Anwendung, sondern die bloße Existenz der Methode.
Karen Lutze (VKHD-Beirätin)





