Mitglieder-Login

Mitglieder-Login

Bitte warten, Berechtigungsprüfung ...
×
Montag, 22 Juni 2026 20:48

OFFENER BRIEF GKV-Reform: Gesundheitspolitik braucht Evidenz – und Pluralismus

Offener Brief des VKHD widerlegt vorgefertigte Politiker-Antworten

Wir stellen die Evidenz in ein anderes Licht und zeigen: Die Reformpläne unterschätzen nicht nur die Homöopathie, sondern auch die Bedeutung gesundheitlicher Selbstbestimmung sowie eines wissenschaftlichen und medizinischen Pluralismus. Die Vorschläge gehen von falschen Prämissen aus und könnten teuer werden.

Mit persönlicher Mail und Weblink oder Anhang eignet sich unser Brief sowohl zum Nachfassen an Politiker, die mit Textbausteinen auf schlechte Evidenz hinweisen, als auch für Erstkontakte.

 


 

Sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrter Abgeordneter des Deutschen Bundestages,

„das Solidarsystem soll nur noch für evidenzbasierte Leistungen aufkommen“ – was für ein Plan!

Grund zum Gratulieren? Bei konsequenter Anwendung ließen sich mit dieser Idee, wenn man hohe Evidenz zugrunde legt, rund 80% aller Gesundheitsausgaben einsparen. Nach einer Studie von Ebell et al, BMJ Evidence-Based Medicine (2017): „How good is the Evidence to support Primary Care practice?“ beruhen nur 18 % medizinischer Leitlinien Empfehlungen auf konsistenter, hochwertiger patientenorientierter Evidenz1. Andere Studien kamen auf ähnliche Ergebnisse2. Niemand schlägt deswegen entsprechende Ausgabenkürzungen vor. Anzusprechen ist aber die unpassende, schon zum Narrativ gewordene Gegenüberstellung einer vermeintlich unwissenschaftlichen Komplementärmedizin auf der einen und einer vermeintlich streng wissenschaftsbasierten Leitlinien-Medizin auf der andere Seite.

Die durch Nicht-Erstattung von Homöopathie-Leistungen erreichbaren Einsparungen liegen hingegen im Promillebereich3 – wenn sie überhaupt gegeben sind. Wir erwarten eher, dass die Effekte in gegenteilige Richtung umschlagen. Etwa dann, wenn Patient*innen unbehandelt bleiben oder sich für andere, teurere, aber nicht wirksamere Therapien entscheiden. Schließlich auch, weil die Selbstwirksamkeit der Betroffenen, als ein zwar unspezifischer, doch mit selbstbestimmten Gesundheitsentscheidungen verknüpfter Faktor, in der schönen neuen „alternativlosen Medizin“ ganz herausfällt.

Anzumerken ist, dass wir als Heilpraktiker*innen ohnehin schon zur Entlastung des Solidarsystems beitragen, weil unsere Patient*innen die Behandlungen privat finanzieren. Von GKV-Einsparungen sind wir nicht primär betroffen, sehr wohl aber vom Verlust des medizinischen und wissenschaftlichen Pluralismus als einem bislang rechtlich garantierten Wesensmerkmal einer offenen und solidarischen Gesellschaft.

Homöopathie ist evidenzbasiert. Die Grundlagenforschung4 wie auch klinische Forschung5 zeigen mit der Placebo-Hypothese nicht vereinbare Ergebnisse. Dass die wissenschaftliche Diskussion weiterhin im Gange ist und dass die – durchaus jenseits von Kontext-Effekten beobachteten – Wirkprinzipien noch nicht wirklich verstanden sind, darf kein Grund zur Ablehnung sein.

Wie evidenzbasiert sind die Empfehlungen der Finanzkommission Gesundheit? Inhaltlich entsprechen diese dem sogenannten „2nd Australian Report“ des australischen Gesundheitsforschungsrates NHMRC6. Allerdings verweist die Quellenangabe der Kommission mit „Gupta & Mathur 2016“ auf einen Artikel, der schwerwiegende Fehler des NHMRC-Berichts nachweist. Mit dem Quellenhinweis spricht die Kommission nicht nur gegen ihre eigene Begründung, sondern vielleicht auch gegen ihre Sorgfalt.7, 8

Es ist unwichtig, ob Sie an Homöopathie „glauben“ oder „nicht glauben“. Die Homöopathie braucht keinen „Glauben“ und dies müsste die Lager nicht scheiden.

Schwerer wiegt, dass die Bedeutung eines wissenschaftlichen Pluralismus ebenso wie der Patientenwünsche für eine Demokratie heute unzureichend verstanden wird. Pluralismus bedeutet Wechsel der Blickwinkel, Offenheit und methodische Flexibilität, ohne dabei grundlegende Prinzipien der Wissenschaftlichkeit, wie etwa methodische Konsistenz und Nachvollziehbarkeit zu verlassen. In einer strikt algorithmenbasierten Leitlinienmedizin hingegen bliebe jedes Patientenrecht auf freie Therapiewahl gegenstandslos. David Sackett, der Begründer der evidenzbasierten Medizin, mahnte, neben statistischer Datenlage stets auch Patientenpräferenzen und ärztliche Erfahrung in die evidenzbasierte Praxis einzubeziehen9.

Wissenschaftlicher und medizinischer Pluralismus ist mehr als ein nice-to-have. Gerade in den Human-Wissenschaften – wie eben Medizin und Psychologie, aber auch in den Sozialwissenschaften – erweisen sich Pluralismus und Multi-Perspektivität als Säulen einer offenen und demokratischen Gesellschaft mit einer freien Geisteskultur. Es ist auch die Anerkenntnis, nicht alles zu wissen. Politisch heikel werden Expertenräte dann, wenn sie in offene Diskussionen eingreifen und wenn die gesellschaftliche Bedeutung geistiger Vielfalt über wissenschaftliche Engführung und vorgebliche ökonomische Zwänge außer Blick gerät.

Politische Entscheidungen, die die Wahlfreiheit der Patient*innen vom Geldbeutel abhängig machen, bewirken auch einen Vertrauensverlust in unsere politischen Institutionen. Menschen fühlen sich abgehängt und ausgeschlossen. Wir beobachteten in der Folge politische Vereinnahmungsversuche, die wir allerdings entschieden ablehnen10.

Die Verankerung der „besonderen Therapierichtungen“ im SGB V und im Arzneimittelgesetz war und ist ein bewährter Kompromiss. Das GKV-Modernisierungsgesetz verschiebt diesen Rahmen und berührt damit tiefgreifende gesellschaftliche Fragen.

Unser Aufruf:

  • Unterstützen Sie den Erhalt eines pluralistischen Gesundheitswesens, erhalten und sichern Sie den Status der „besonderen Therapierichtungen“ im Sozialgesetzbuch.

Mit freundlichen Grüßen

 VKHD-Vorstand


1 Ebell et al, BMJ Evidence-Based Medicine (2017): How good is the Evidence to support Primary Care practice?
https://ebm.bmj.com/content/22/3/88

2 Bezogen auf die Anzahl erforschter medizinischer Interventionen sind gar nur 5,6% gut belegt. Most healthcare interventions tested in Cochrane Reviews are not effective according to high quality evidence: a systematic review and meta-analysis
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35447356/
Für unser Solidarsystem fehlen bislang angemessene, breiter aufgestellte Studien-Formate wie etwa HTA-Reports, die sozial- und medizinwissenschaftliche Methoden verknüpfen und damit Fragen der Wirksamkeit, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und damit des Patientennutzen zusammenhängend untersuchen.
Für die Homöopathie sehr aufschlussreich sind bereits die HTA-Berichte des Schweizer Programms zur Evaluation der Komplementärmedizin:
https://karger.com/fok/article-abstract/13/Suppl. 2/I/355945/Inhalt-ContentsKurzfassungen-der-HTA-Berichte-des

3 https://link.springer.com/article/10.1007/s00210-024-03005-x

4 IKIM Universität Bern mit Übersicht Forschungsstand Homöopathie
https://www.ikim.unibe.ch/forschung/uebersichten_zum_stand_der_forschung/homoeopathie/index_ger.html

5 Qualitativ führend ist die Übersichtsarbeit Hamre et. al. zu randomisierten Vergleichsstudien:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37805577/

6 NHMRC „2nd Australian Report“ (2015)
https://www.hri-research.org/wp-content/uploads/2015/07/NHMRC-Information-Paper-Mar2015.pdf

7 Finanzkommission Gesundheit, Erster Bericht, Seiten 165 und 466
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/F/FinanzKommission_Gesundheit/FinanzKommissionGesundheit_Erster_Bericht_20260330.pdf

8 Gupta, V. & Mathur, M. (2016) „NHMRC Overview on Homeopathy“, Homœopathic Links, Vol. 29 (03)
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0036-1586244
Vergleiche auch Homeopathic Research Institute (HRI)
https://www.hri-research.org/de/informationsquellen/die-homoopathie-debatte/der-australische-bericht/faq-australischer-bericht/

„Schwerer Fehler im Bericht der Finanzkommission Gesundheit“
https://www.weils-hilft.de/gesundheitspolitik/weils-hilft-deckt-auf-schwerer-fehler-im-gutachten-der-finanzkommission

9 Sackett D. (1997), Was ist Evidenz-basierte Medizin und was nicht?
https://www.cochrane.de/sackett-artikel

10 Der VKHD distanziert sich von jeder politischen Vereinnahmung, insbesondere durch Gruppierungen mit fraglichem Verhältnis zur Menschenwürde:
https://www.vkhd.de/patienten-mobil/homoeopathie/homoeopathie-bedeutet-menschenwuerde

Teilen auf FacebookTeilen auf Twitter