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Homöopathie unwiderlegt? Ein Film von Erik Lemke – Eine Rezension von Stefan Reis

Der Regisseur Erik Lemke hat mit „Homöopathie unwiderlegt?“ eine Form der Homöopathiekritik versucht, in dem er Homöopath*innen ihre Heilmethode selber erklären lässt. Herausgekommen sind viele sehr unterschiedliche Statements, die zum Teil widersprüchlich erscheinen. Doch ist seine Methode angemessen und erfüllt sie ihren Zweck? Stefan Reis ist der Frage nachgegangen.

Haben Sie schon einmal einen sokratischen Dialog geführt? Dieser zielt darauf ab, dass der Befragte durch Reflexion eines vorab gültigen Standpunktes womöglich selbst erkennt, dass er diesen ändern muss, weil er nicht haltbar ist. Bei diesem Dialog fungiert der Fragende als „Geburtshelfer“, der die Erkenntnisentwicklung des Befragten begleitet und behutsam fördert.

Aus Sicht eines mit homöopathischem Halb- und skeptischem Pseudo-Wissen ausgestatteten Journalisten müsste somit ein*e Homöopath*in mit der Zeit, wenn sie oder er nur lange genug über das Für und Wider dieser Therapie reflektiert, von selbst zu dem Fazit kommen, dass es sich bei der Homöopathie keinesfalls um eine spezifisch wirksame Therapie handeln könne. Klingt naiv? Ist es auch.

Erik Lemke, ein Berliner Filmemacher, erwähnte gleich in mehreren Interviews, die zeitnah zur Uraufführung seiner Dokumentation „Homöopathie unwiderlegt?“ erschienen, dass ebendiese erkenntnistheoretische Methode, die Sokrates zugeschrieben wird, in seinem Dialogfilm (bzw. „Diskursstück“) zur Anwendung gekommen sei. Homöopathie-Kritik auf einem neuen Niveau, ohne Bashing, ohne die üblichen Skeptiker-Positionen, aus den eigenen Reihen sozusagen: Das weckt Interesse. Aber die Latte liegt da sehr hoch, und leider wird sie – das schon mal vorweg – nicht einmal gerissen.

Der Zuschauer wird gerade nicht Zeuge eines Erkenntnisgewinns der Protagonist*innen. Die schwören nicht etwa reihenweise von der Homöopathie ab, kommen offenbar nicht einmal in grundlegende Zweifel. Wenn Lemke aber meint, dass er den Zuschauer durch geschickte Kombination von (zum Teil nur scheinbaren) Widersprüchen in der homöopathischen Theorie und Methodik in Zweifel über die Homöopathie insgesamt setzen kann, dann ist das weniger sokratisch, als vielmehr manipulativ – was so ziemlich das Gegenteil von „sokratisch“ ist. Mit derselben Methode kann es beispielsweise gelingen, Wähler*innen die Nutzung von Atomstrom als „grüne Energie“ zu verkaufen.

19 Protagonist*innen kommen in dem 86-minütigen (und damit für eine Homöopathie-Dokumentation recht langen) Film zu Wort. Eingeteilt ist er in verschiedene Kapitel zu Themen, die zum großen Teil innerhalb der Homöopathie durchaus kontrovers diskutiert werden. Dass es etwa zur Miasmatik oder zur Bedeutung von Arzneimitteltypen unterschiedliche Auffassungen gibt, ist ja nichts Neues, und wenn man die verschiedenen Verlautbarungen dazu im Film hört, dürfte sich niemand verwundert die Augen reiben, der sich professionell mit Homöopathie befasst und wenigstens gelegentlich im Kollegenkreis austauscht, Seminare besucht oder Fachliteratur studiert. Und ist es nicht geradezu charakteristisch für die Medizin, von der die Homöopathie ein Teil ist, dass physiologische, pathologische und therapeutische Erkenntnisse einem steten Wandel unterliegen?

Was für ein schiefes Bild der Homöopathie muss (bei Lemke und sogar in Teilen der Öffentlichkeit?) existieren, wenn offenbar davon ausgegangen wird, dass ein selbstkritischer Diskurs innerhalb der Anhängerschaft nicht stattfindet? Wie naiv muss man sein, wenn man die seinerzeit und mit guten Gründen geforderte strenge Gefolgschaft Hahnemanns auf die moderne Homöopathie überträgt?

Womit nicht gesagt sein soll, dass die Homöopath*innen durch die Bank Paradebeispiele für höchste Debattenkultur abliefern. In den Auseinandersetzungen geht es allzu oft um Rechthaberei und Deutungshoheit zu diesem oder jenem Aspekt. Auch mag nicht jede*r Kolleg*in frei von Geltungssucht sein. Über einen langen Zeitraum zeigte sich die Homöopathie mehr „eminenz“-, als evidenzbasiert. Tatsächlich vermisse ich Streitkultur in unseren Reihen ebenso, wie eine deutliche Abgrenzung gegen „Trittbrettfahrer“, die unter „Homöopathie“ subsumieren, was (möglicherweise im Detail noch zu definierenden) Grundlagen der Homöopathie widerspricht.

Dazu kann Lemkes Film durchaus einen Beitrag leisten. Der Regisseur wünscht sich, dass er von den Homöopath*innen ernst genommen werde. Dem kann ich mich anschließen. Insofern möchte ich den Film allen professionellen Kolleg*innen empfehlen und dazu anregen, die eigenen Positionen zu den angesprochenen Fragen gegebenenfalls zu überdenken und vielleicht auch in der Kollegenschaft offen zu diskutieren.


Fazit

Erik Lemke kann einem leidtun. Da treibt er einen ziemlichen Aufwand für seinen Film, nicht zuletzt mit hübschen Animationen und eigener Filmmusik. Und die Resonanz? Die „Schwurbler“ aus der Skeptiker-Szene bemängeln bereits das Fehlen jeglicher Kritik, die Homöopath*innen werden den Film aus oben genannten Gründen vermutlich ignorieren (was selbst ich mir nicht wünsche) und das Laienpublikum wird angesichts der teils sehr speziellen Thematik früher oder später aus dem Film aussteigen. Wenn jetzt noch Sokratiker von der kulturellen Aneignung ihrer Methode Wind bekommen, dann gute Nacht.

„Homöopathie unwiderlegt?“ Ein Film von Erik Lemke. Deutschland, 2021. Laufzeit: 86 Minuten. DVD: € 14,99

 

Die Protagonist*innen: Heiner Frei, Jens Behnke, Martin Dinges, Carl Rudolf Klinkenberg, Karl-Heinz Gebhardt, Hans Baitinger, Dieter Elendt, Alexander Tournier, Martina-Lucia Kaut, Anne Medam, Micha Bitschnau, Christine Laschkolnig, Beate Latour, Friedrich P. Graf, Evemarie Wolkenstein, Cornelia Bajic, Elisabeth Lazcano, Harald Walach, Heinrich Hümmer.

Kinotermine unter: https://eriklemke.com/index.php
DVD Bezugsquelle: https://glotzenoff.de/products/homoopathie-unwiderlegt
Streamhttps://vimeo.com/ondemand/homoopathieunwiderlegt

 

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