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Gibt es Chancen auf eine teilweise Wiederherstellung des Gedächtnisses bei Alzheimer?

Gibt es Chancen auf eine teilweise Wiederherstellung des Gedächtnisses bei Alzheimer? Gibt es Chancen auf eine teilweise Wiederherstellung des Gedächtnisses bei Alzheimer? Fotolia #158372947 ©patpitchay
Gedächtnisprobleme bei Alzheimer entstehen nicht allein durch das Absterben von Nervenzellen. Auch fehlerhafte Prozesse in den Netzwerken des Gehirns tragen wesentlich dazu bei. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Übersichtsarbeit, die zugleich neue Ansätze für die Diagnostik und Behandlung der Erkrankung aufzeigt.


Erinnerungen entstehen durch das abgestimmte Zusammenwirken verschiedener Hirnareale. Dieses Netzwerk, zu dem unter anderem der Hippocampus sowie Regionen im Frontal- und Temporallappen gehören, bildet die Grundlage des episodischen Gedächtnisses – also der Fähigkeit, sich an persönliche Erlebnisse zu erinnern. Bei Alzheimer breiten sich krankhafte Veränderungen entlang dieser Verbindungen aus und stören die Kommunikation innerhalb des Netzwerks. Typische Folgen sind Schwierigkeiten beim Abrufen von Erinnerungen, das Vermischen von Erlebnissen sowie Probleme beim Lernen neuer Informationen.

„Im Gehirn ist Gedächtnis in klaren Schaltkreisen organisiert. Wenn diese nicht mehr effizient zusammenarbeiten, entstehen Gedächtnisprobleme – auch dann, wenn Teile der Struktur noch vorhanden sind“, erklärt Prof. Dr. Emrah Düzel, Direktor des Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Standortsprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Forschende beider Institutionen waren gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Neurobiologe Magdeburg (LIN) an der Übersichtsarbeit beteiligt.


Nutzung vorhandener Ressourcen im Fokus

Ein zentrales Konzept der Studie [1] ist das sogenannte „Circuit Utilization Framework“. Es geht davon aus, dass nicht nur die strukturelle Beschaffenheit des Gehirns eine Rolle spielt, sondern auch, wie effektiv vorhandene Netzwerke eingesetzt werden. Ein Teil der Gedächtnisprobleme könnte demnach darauf beruhen, dass bestehende Verbindungen nicht mehr optimal aktiviert oder aufeinander abgestimmt sind. „Wir sehen Hinweise darauf, dass noch erhaltene Funktionskapazitäten im Gehirn nicht mehr zuverlässig genutzt werden können“, so der Neurowissenschaftler. „Das eröffnet die Möglichkeit, gezielt an der Funktionsweise dieser Netzwerke und Schaltkreise anzusetzen.“

Etwa 80 Prozent der Alzheimer-Betroffenen leiden an der amnestischen Form, bei der vor allem das episodische Gedächtnis eingeschränkt ist. Unterschiede im Verlauf der Erkrankung könnten unter anderem mit der Fähigkeit des Gehirns zusammenhängen, Funktionsverluste auszugleichen – ein Phänomen, das als kognitive Reserve bezeichnet wird. Beobachtungen zeigen, dass einige Menschen trotz nachweisbarer Alzheimer-Veränderungen über lange Zeit nur milde Symptome entwickeln, während andere bereits früh ausgeprägte Gedächtnisprobleme zeigen. Einflussfaktoren wie Bildung, geistige Aktivität und Lebenserfahrung scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen.

„Das Gehirn hat mehr Möglichkeiten, als wir lange gedacht haben“, so Mitautor Hon.-Prof. Michael Kreutz, Leiter der Forschungsgruppe Neuroplastizität am LIN in Magdeburg. „Es kann auf Umwege ausweichen. Aber wir verstehen erst ansatzweise, wie wir diesen Prozess gezielt fördern können.“


Neue Ansatzpunkte für Therapie und Diagnostik

Die Ergebnisse der Arbeit legen nahe, Therapien stärker auf die Funktion von Gehirnnetzwerken auszurichten. Dazu gehören unter anderem:

  • Gedächtnistraining, das bestimmte Denkprozesse stärkt
  • Stimulation von Hirnarealen, etwa durch elektrische oder magnetische Verfahren
  • Medikamente, die die Aktivität von Nervenzellen regulieren.

Erste klinische Studien deuten darauf hin, dass eine gezielte Beeinflussung bestimmter Hirnregionen, insbesondere des Hippocampus, zu messbaren Verbesserungen der Gedächtnisleistung führen kann. Diese Effekte wurden bislang vor allem in frühen Stadien der Alzheimer-Erkrankung beobachtet.

Die Ergebnisse sprechen dafür, Gedächtnisstörungen bei Alzheimer stärker als Störung von neuronalen Schaltkreisen und Rechenprozessen zu verstehen. Dadurch könnten gezieltere diagnostische und therapeutische Ansätze entwickelt werden. Zukünftig wird eine Kombination aus ursächlichen Behandlungen, etwa mit Anti-Amyloid-Antikörpern, und der Aktivierung sowie Stärkung vorhandener kognitiver Ressourcen als vielversprechender Ansatz gesehen.


Perspektiven für Forschung und Versorgung

Die Arbeit bündelt Ergebnisse aus verschiedenen Forschungsbereichen, darunter klinische Studien, bildgebende Verfahren und experimentelle Untersuchungen, und entwickelt daraus ein neues Erklärungsmodell. Ähnliche Ansätze werden auch von anderen Forschungsgruppen verfolgt, wobei der Anteil potenziell reversibler Funktionsstörungen unterschiedlich bewertet wird.

Einigkeit besteht darin, dass bereits eingetretene strukturelle Schäden, insbesondere der Verlust von Nervenzellen, nach heutigem Kenntnisstand nicht rückgängig gemacht werden können. Daraus ergibt sich die Bedeutung eines möglichst frühen therapeutischen Eingreifens.

Offen bleibt, in welchem Ausmaß sich dadurch alltagsrelevante Gedächtnisleistungen verbessern lassen. Zudem sind Fragen zu Kosten, Verfügbarkeit und praktischer Umsetzung entsprechender Behandlungen noch nicht abschließend geklärt, da viele Verfahren derzeit noch in Studien erprobt werden.

Langfristig könnte dieser Ansatz dazu beitragen, den Verlauf der Erkrankung besser zu verstehen und die Lebensqualität von Betroffenen länger zu erhalten.


Nicht-medikamentöse Ansätze können Selbstständigkeit und Lebensqualität erhalten

Die Alzheimer Forschung Initiative (AFI) zeigt weitere nicht-medikamentöse Ansätze auf, wie Bewegung, gezielte geistige Aktivierung oder Musiktherapie, die einen wichtigen Beitrag leisten können, um die kognitiven Fähigkeiten von an Alzheimer-Erkrankten zu stabilisieren, Alltagskompetenzen zu fördern und Begleitsymptome wie Unruhe oder depressive Verstimmungen zu lindern.


Bewegung: Positive Effekte auf Denken und Alltag

Körperliche Aktivität ist eine der am besten untersuchten nicht-medikamentösen Therapieformen. Dazu gehören zügiges Gehen, Radfahren, Gymnastik, leichte Kraftübungen sowie Tai-Chi oder Tanzen. Studien zeigen, dass insbesondere regelmäßiges Ausdauertraining die kognitive Leistungsfähigkeit unterstützen kann. Gleichzeitig können Kraftübungen dazu beitragen, alltägliche Aufgaben wie Anziehen oder Kochen länger selbstständig zu bewältigen und Stürzen vorzubeugen. Als Orientierung gelten rund 150 Minuten Bewegung pro Woche. Entscheidend sind jedoch vor allem Regelmäßigkeit und individuelle Anpassung.


Kognitive Aktivierung: Fähigkeiten gezielt stärken

Strukturierte Trainings können vor allem im frühen bis mittleren Stadium einer Demenz dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten zu stabilisieren. Dazu zählen moderierte Gespräche, Wort- oder Ratespiele sowie Übungen, die die Biografie der Menschen mit einbeziehen – etwa durch Fotos oder persönliche Gegenstände. Wichtig ist dabei eine wertschätzende Atmosphäre ohne Leistungsdruck. Reines Wiederholen oder Auswendiglernen zeigt dagegen kaum nachhaltige Effekte.


Ergotherapie: Selbstständigkeit im Alltag erhalten

Ergotherapie stärkt praktische Alltagsfähigkeiten, wie das Zubereiten einfacher Mahlzeiten oder das Strukturieren des Tagesablaufs. Ziel ist es, vorhandene Ressourcen zu nutzen und Überforderung zu vermeiden. Maßnahmen im häuslichen Umfeld sind besonders geeignet, da sie direkt in den Alltag integriert werden können. Studien zeigen positive Effekte auf die Alltagskompetenz und die Stimmung.


Musiktherapie: Zugang über Emotionen

Musik kann Menschen erreichen, selbst wenn ihnen Sprache zunehmend schwerfällt. Durch gemeinsames Singen, Rhythmusübungen oder das Hören vertrauter Lieder werden emotionale Erinnerungen angesprochen, die oft lange erhalten bleiben. Musiktherapie kann in unterschiedlichen Stadien eingesetzt werden. Untersuchungen deuten auf positive Effekte auf Stimmung und Verhalten hin, teilweise auch auf kognitive Leistungen.


Originalpublikation

Düzel E, Kreutz MR. Maintaining and regaining episodic memory in Alzheimer disease: a circuit-based perspective. Nat Rev Neurol. 2026 Mar 16. doi: 10.1038/s41582-026-01189-9

Quellen: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Alzheimer Forschung Initiative (AFI)
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