ADHS: Ein Problem der Energieregulation?
ADHS: Ein Problem der Energieregulation?
Hyperaktivitätsstörungen haben in Europa seit Jahren kontinuierlich zugenommen – bei Kindern, insbesondere aber bei Erwachsenen und Frauen. Gleichzeitig bleibt die Frage, warum Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit bei Betroffenen so stark schwanken, oft unbeantwortet. Eine aktuelle Studie liefert nun einen neuen Erklärungsansatz: ADHS könnte weniger ein Aufmerksamkeitsdefizit sein als vielmehr ein Problem der Energieversorgung im Gehirn.
Der Ansatz interpretiert ADHS als Folge einer instabilen neuronalen Energieverfügbarkeit (Energy Deficit Hyperactivity Disorder – EDHD) und rückt die schwankende Energieversorgung des Gehirns in den Mittelpunkt. Demnach verfügen Menschen mit ADHS nicht grundsätzlich über weniger Aufmerksamkeit, sondern über eine instabile und schnell erschöpfbare mentale Energie. Diese Dynamik könnte erklären, warum Betroffene in manchen Situationen hochkonzentriert arbeiten, während ihnen in anderen Momenten selbst einfache Aufgaben schwerfallen. „Das Modell bietet eine neue Perspektive auf ein seit Jahrzehnten erforschtes Störungsbild“, sagt Mohammad Dawood Rahimi vom Arbeitsbereich Cognitive Neuroscience der Freien Universität Berlin. Phänomene wie Hyperfokus oder starke Leistungsschwankungen ließen sich so besser verstehen.
Warum Leistung schwankt
Ein häufig beobachtetes Merkmal von ADHS sind starke Schwankungen der Leistungsfähigkeit: Betroffene können sich oft über längere Zeit intensiv auf besonders interessante Aufgaben fokussieren, während monotone oder lang andauernde Tätigkeiten deutlich schwerer fallen. Das EDHD-Modell interpretiert dieses Phänomen als Ausdruck einer energieabhängigen Regulation im Gehirn. Stimulierende Aktivitäten können die Energiebereitstellung kurzfristig stabilisieren, wohingegen reizarme Aufgaben eher zu einem Abfall verfügbarer Ressourcen führen. Leistungsfähigkeit wird somit als stark vom jeweiligen Kontext abhängig verstanden.
In seiner Studie argumentiert der Forscher, dass neurobiologische Prozesse wie der Glukosestoffwechsel und die Funktion der Mitochondrien eine zentrale Rolle spielen könnten. Bestimmte Hirnregionen – etwa solche, die für Planung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation zuständig sind – könnten demnach zeitweise nicht ausreichend mit Energie versorgt werden. Zugleich betont Dawood Rahimi: „Der EDHD-Ansatz versteht sich ausdrücklich als hypothesengenerierender theoretischer Ansatz – nicht als neue Diagnosekategorie oder klinisches Instrument. Ziel ist es, Befunde aus Neurowissenschaften, Bioenergetik, Kognitionsforschung und Computermodellierung in einem systemischen Erklärungsrahmen zusammenzuführen.“
Erholung und Struktur als Schlüsselfaktoren
Im EDHD-Modell wird stabile Aufmerksamkeit maßgeblich durch ausreichende Erholungsphasen bestimmt. Schlaf, Pausen sowie biologische Rhythmen beeinflussen dabei die Verfügbarkeit kognitiver Energie. Ist diese Regeneration unzureichend, können bereits einfache Aufgaben als überfordernd erlebt werden, was eine mögliche Erklärung für typische Leistungsschwankungen darstellt.
Auch Verhaltensweisen wie Unruhe oder Ablenkbarkeit erscheinen in diesem Licht anders: Sie könnten kurzfristige Strategien sein, um das Energieniveau zu stabilisieren. Bewegung oder neue Reize helfen dem Gehirn, leistungsfähig zu bleiben. Damit rückt ADHS weg von der Deutung als Disziplinproblem hin zu einer Frage des Ressourcenmanagements. Für die Praxis ergeben sich neue Ansatzpunkte – etwa ein stärkerer Fokus auf Schlaf, Ernährung und Stoffwechsel neben der medikamentösen Behandlung.
Anmerkung
Die geschilderten (vorläufigen) Erkenntnisse sind auch für unsere homöopathische Praxis interessant, vor allem hinsichtlich der Kommunikation mit den Erziehenden. Darüber hinaus bieten sie Ansätze für flankierende Maßnahmen, die auch eine homöopathische Behandlung sinnvoll unterstützen können. In diesem Zusammenhang sei an dieser Stelle noch auf die 2005 erschienene doppelblind durchgeführte Studie des Schweizer Kinderarztes Heiner Frei verwiesen.Diese Studie belegt nicht nur die Wirksamkeit der Homöopathie, sie gibt auch Hinweise auf eine offenbar besonders effiziente Methode der Fallanalyse.
(Stefan Reis)
Originalpublikation
Rahimi MD. Energy Deficit Hyperactivity Disorder (EDHD): A Neurobiological Energy Dysregulation Model for ADHD. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 2026. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2026.106616.https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0149763426000710?via=ihub





