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Neuentfachte Diskussion um die vom Bayerischen Landtag geförderte Homöopathie-Studie

Neuentfachte Diskussion um die vom Bayerischen Landtag geförderte Homöopathie-Studie mit KI erstellt
Der Bayerische Landtag beschloss 2019, eine Studie zu fördern, die untersuchen sollte, ob eine individualisierte homöopathische Behandlung dazu beitragen kann, den Einsatz von Antibiotika bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen zu reduzieren. Hintergrund war die zunehmende Problematik von Antibiotikaresistenzen. Die Studie wurde wegen unzureichender Teilnehmerzahlen vorzeitig beendet. Für die Opposition im bayerischen Landtag Grund genug, mal wieder unsachlich gegen die Homöopathie zu polemisieren.


Zur Erinnerung: Geplant und von der Bayerischen Staatsregierung in Auftrag gegeben war eine randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Untersuchung an Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, die an der TU München durchgeführt wurde. Die Homöopathie sollte dabei nicht anstelle einer notwendigen Antibiotikatherapie eingesetzt werden. Vielmehr sollte geprüft werden, ob eine individualisierte homöopathische Behandlung langfristig Rückfälle verhindern und dadurch den Antibiotikaverbrauch reduzieren könnte. Für die Studie wurden rund 700.000 Euro bereitgestellt. Kritiker hielten die Studie bereits bei ihrer politischen Initiierung für wissenschaftlich nicht sinnvoll. Ihr Hauptargument: Die bisherige wissenschaftliche Evidenz spreche nicht dafür, dass Homöopathie eine spezifische Wirkung über Placeboeffekte hinaus habe. Deshalb sei fraglich, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn eine weitere Studie bringen könne. Auch die Verwendung öffentlicher Mittel wurde kritisiert. Dabei zählte die SPD-Politikerin Ruth Waldmann schon 2019 zu den Wortführerinnen der (in doppelter Hinsicht) Opposition.

Neue Diskussion

Die Diskussion wurde nun erneut aufgegriffen, nachdem Medien über die gescheiterte Studie berichteten, etwa der Merkur oder die Welt und zahlreiche weitere, während der BR auch Verteidiger der Studie zitierte. Dabei entstand teilweise der Eindruck, die Studie habe gezeigt, dass Homöopathie bei Harnwegsinfekten nicht funktioniert. Das ist wissenschaftlich nicht korrekt. Die Studie konnte diese Frage aufgrund des vorzeitigen Abbruchs nicht beantworten.

Politischer Streit

Besonders deutlich und polemisch äußert auch jetzt wieder die bayerische Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann von der SPD-Opposition ihre Kritik an der Studie. Ihrer Einschätzung nach wurden mehr als 640.000 Euro für die Untersuchung aufgewendet, obwohl das Ergebnis angesichts der bereits umfangreichen Forschung zur Wirksamkeit der Homöopathie absehbar gewesen sei. Sie fordert eine Aufarbeitung der Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein entsprechender Forschungsauftrag politisch durchgesetzt wurde und eine beträchtliche Summe öffentlicher Gelder für eine Studie gerechtfertigt war, deren wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn von ihr und anderen Kritiker*innen bereits im Vorfeld infrage gestellt worden war.

CSU und Freie Wähler, auf deren Initiative die Studie 2029 beschlossen worden war, weisen diese Kritik zurück. Sie argumentieren, dass wissenschaftliche Fragestellungen ergebnisoffen untersucht werden sollten und es keine Denkverbote geben dürfe. CSU-Gesundheitspolitiker Bernhard Seidenath argumentiert, Politik müsse Ziele vorgeben, aber nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen vorwegnehmen. Die Freie-Wähler-Abgeordnete Susann Enders betont ebenfalls, dass auch kontroverse Ansätze ergebnisoffen untersucht werden sollten. Angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen dürfe es bei der Suche nach Möglichkeiten zur Verringerung des Antibiotikaverbrauchs keine „Denkverbote“ geben.

Warum wurde die Studie wirklich beendet?

Der entscheidende Punkt ist: Die Studie wurde nicht wegen eines sich abzeichnenden negativen Studienergebnisses beendet. Die Rekrutierung von geeigneten Teilnehmerinnen erwies sich als zu schwierig. Wegen der strengen Einschlusskriterien konnten nicht genügend Patientinnen (geplant waren 240 Probandinnen, akquiriert werden konnten nur 40 Patient*innen) in einem vertretbaren Zeitraum gewonnen werden. Deshalb wurde die Rekrutierung Ende 2024 abgebrochen.

Dr. Ulf Riker, Vorsitzender des DZVhÄ-Landesverbands Bayern und zugleich beteiligter Studienarzt, betont, dass sich deshalb aus der Studie weder ableiten lasse, dass Homöopathie bei Harnwegsinfekten wirkt, noch, dass sie nicht wirkt (https://www.homoeopathie-bayern.de/dr-riker-widerspricht-dem-bericht-des-muenchner-merkur/). Es wurde schlicht keine ausreichende Zahl von Teilnehmerinnen erreicht, um die geplante wissenschaftliche Auswertung zuverlässig durchführen zu können.

Es sei daher irreführend, von einer Studie zu sprechen, die „keine Belege“ erbracht habe. Vielmehr müsse zunächst untersucht werden, warum die Rekrutierung nicht funktioniert habe und ob dies möglicherweise mit dem Studiendesign zusammenhing. Er wendet sich insbesondere gegen die abwertende beziehungsweise hämische Kommentierung der Studie durch die SPD-Politikerin Waldmann. Riker sieht den Sinn der Studie grundsätzlich positiv: Angesichts der Antibiotikaresistenzen sei es richtig gewesen, wissenschaftlich zu untersuchen, ob Homöopathie den Antibiotikaverbrauch reduzieren könne. Riker führt zudem eine Arbeit von Hamre et al. aus dem Jahr 2023 an. Diese ergab, dass Homöopathie über Placeboeffekte hinaus wirksam ist. Außerdem verweist Riker auf Forschung aus dem Jahr 2024, wonach Homöopathie bei Atemwegserkrankungen von Kindern den Antibiotikaverbrauch um bis zu 50 Prozent reduzieren könne. Er kritisiert auch, dass sich Medien und Politik nicht ausreichend mit der gesamten Studienlage zur Homöopathie auseinandersetzten. Wer sich öffentlich zur Homöopathie äußere, sollte die vorhandene Forschung zunächst sorgfältig und unvoreingenommen prüfen.

Hat die Studie nun also bewiesen, dass Homöopathie bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten unwirksam ist? Das lässt sich aufgrund der sehr kleinen Fallzahl und der damit verbundenen eingeschränkten Aussagekraft nicht aus dieser Studie ableiten.

Downloadlink zum Abschlussbericht: https://www.clinicaltrialsregister.eu/ctr-search/rest/download/result/attachment/2021-002214-14/1/55700

Anmerkungen

Es kommt gar nicht selten vor, dass wissenschaftliche Studien an der Rekrutierung der Proband*innen scheitern. Eine sehr aktuelle Analyse von 19.191 kardiovaskulären Studien (2000–2025) fand 2.202 vorzeitig beendete Studien (11,5 %). Bei 71,3 % dieser vorzeitig beendeten Studien lag die tatsächliche Rekrutierung unter 80 % des Zielwertes. Unzureichende Rekrutierung war somit der am häufigsten angegebene Abbruchgrund.

Wirklich bedenklich ist aus meiner Sicht die Agenda der Homöopathiekritiker*innen, die hier durch ihr Sprachrohr Ruth Waldmann verfolgt wird: Forschung zur Homöopathie sei demnach von vornherein unnötig und nicht förderwürdig, weil ohnehin kein Wirksamkeitsnachweis zu erwarten sei. Nicht nur, dass eine solche Haltung den aktuellen Stand der Wissenschaft ignoriert – sie wendet sich in einer Art Szientokratie auch gegen die Freiheit und die eigentliche Bestimmung der Wissenschaft. Dabei wird ein (angeblicher, meist veralteter, aber konvenierender) „wissenschaftlicher Konsens“ bemüht und festgezurrt, der jegliche weitere Fragestellung rund um das jeweilige Thema abschneidet. Und das damit verbundene „follow the science“ hat eine durchaus befreiende Wirkung. Endlich muss man sich nicht weiter bemühen, endlich ist jeder Zweifel beseitigt, man weiß nun, was richtig ist und was nicht (und was „wirklich wirkt“).

Selbstverständlich ist unabhängige Forschung zur Homöopathie weiterhin nötig und sinnvoll, aber nicht, um eine (angeblich) bisher noch nie in Studien nachgewiesene Wirksamkeit zu untersuchen. Vielmehr gilt, die bisherigen Hinweise auf eine Wirksamkeit potenzierter Arzneien sowie deren Anwendbarkeit nach dem sogenannten Ähnlichkeitsprinzip vor allem durch Replikationen geeigneter Studien zu echten Belegen zu machen.

In diesem Sinne wäre womöglich ein „respect the science“ die sehr viel sinnvollere Haltung, als das apodiktische und im Kern unwissenschaftliche „follow the science“!

Stefan Reis
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