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Wenn der Urlaub auf dem Bauernhof zum Allergietraining wird

Wenn der Urlaub auf dem Bauernhof zum Allergietraining wird Wenn der Urlaub auf dem Bauernhof zum Allergietraining wird Fotolia #113250719 © Franco Nadalin
Sie sind gerade mit Ihren Kindern auf dem Bauernhof im Urlaub? Dann haben Sie offenbar alles richtig gemacht – zumindest aus Sicht der Allergieprävention. Zwischen Kühen, Heu und Stallluft bekommt der Nachwuchs nämlich nicht nur jede Menge Urlaubserlebnisse, sondern möglicherweise auch eine Extraportion „Immunschulung“. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass bestimmte Bakterien aus der Stallluft dazu beitragen können, das Risiko für Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis zu senken.


Kinder, die in einer bäuerlichen Umgebung aufgewachsen sind, bekommen weniger Allergien, Heuschnupfen und Asthma als Stadtkinder. Dieser sogenannte Bauernhofeffekt wurde in mehreren Beobachtungsstudien weltweit ermittelt. Höchstwahrscheinlich ist er darauf zurückzuführen, dass diverse Bakterien aus der Stallluft überschießende Entzündungsreaktionen des Immunsystems verhindern, wie sie für Allergien, Heuschnupfen und Asthma kennzeichnend sind. Aber welche Bakterien genau?

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Prof. Dr. Markus Ege vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums und dem Institut für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz Munich haben erstmals gezeigt, welche Bakterien in der Stallluft den Bauernhofeffekt auslösen, welche Stoffe der Bakterien ihn vermitteln und an welchen Rezeptoren im Körper sie andocken, um ihre potenzielle schützende Wirkung zu entfalten.

Die Hygienehypothese

Seit Jahren liest man immer wieder von der Hygienehypothese. Sie war 1989 entstanden, nachdem drei Jahrzehnte lang ein dramatischer Anstieg von Allergien, Heuschnupfen und Asthma bei Kindern in westlichen Industrienationen beobachtet worden war. Alles Erkrankungen, bei denen das Immunsystem entzündlich überreagiert und körpereigene Strukturen angreift. Warum? Aus Unterforderung in der frühen Kindheit – besagt die Hygienehypothese. Das Abwehrsystem von Kindern, die zu wenig mit Umweltkeimen und banalen Schnupfenviren konfrontiert sind, läuft leichter fehl. „Mädchen und Jungen, die auf Bauernhöfen aufgewachsen und einer großen Vielfalt von Mikroben ausgesetzt sind, haben das Problem deutlich seltener“, sagt Prof. Markus Ege. Denn ihr Immunsystem ist ständigen bakteriellen Sparringspartnern aus der Stallluft ausgesetzt und wird damit so trainiert, dass überschießende Entzündungsreaktionen vermieden werden.

Eindeutig bewiesen sei die Hygienehypothese bislang allerdings nicht, da sie weitgehend auf Beobachtungsstudien beruhe. Solche Studien könnten lediglich mehr oder weniger überzeugend Zusammenhänge nahelegen, erklärt Epidemiologe Prof. Ege. Mit der neuen Studie lasse sich der Zusammenhang nun jedoch deutlich plausibler erklären, da die einzelnen Glieder der vermuteten Kausalkette identifiziert werden konnten: die beteiligten Bakterien, ihre Stoffwechselprodukte und die menschlichen Rezeptoren.

Wie vorgegangen wurde

Die Forscher nutzten die Daten von über 1.000 Kindern aus großen europäischen Studien in ländlichen Regionen. Von allen Mädchen und Jungen lagen zwei Arten von Proben vor: Nasenabstriche und Staub aus der Matratze. Zusätzlich wurden bei 47 Bauernhofkindern Staubproben aus Kuhställen genommen. Die Forscher haben dann geschaut, welche Bakterien und Pilze in diesen Proben vorkommen, wie diese Mikroorganismen zusammenhängen und ob bestimmte Mikroben-Gruppen die Mädchen und Jungen vor Asthma schützen.

Dafür verwendeten die Epidemiologen und Bioinformatiker moderne Gen- und Stoffwechselanalysen und entwickelten am Computer Modelle. Durch eine Art Ausschlussverfahren kamen sie letztlich den entscheidenden Mikroorganismen auf die Schliche. Zusätzlich prüften sie, ob Gene der Kinder diesen Schutz beeinflussen. Zur Bestätigung nutzten die Forscher außerdem Daten aus Frankreich und Finnland.

Die Ergebnisse

Giulia Pagani, Erstautorin der Studie und Bioinformatikerin am Institut für Asthma- und Allergieprävention bei Helmholtz Munich, zufolge hätten die Forschenden einige wenige Bakterien identifiziert, die sich inzwischen bis auf Speziesebene genau benennen ließen, darunter Romboutsia timonensis und Glutamicibacter arilaitensis. Diese grampositiven Bakterien würden zusammen rund zwei Drittel des gesamten Bauernhofeffekts auf Asthma und etwa die Hälfte des Effekts auf Heuschnupfen und Neurodermitis vermitteln.

Die Bakterien stammten aus dem Verdauungstrakt der Kühe, wo sie unter anderem Kynurenin, Xanthin, Alpha-Linolensäure und Stearidonsäure produzierten oder verstoffwechselten. Diese Stoffe könnten leicht eingeatmet und von den beiden Rezeptoren AhR und PPARγ auf den menschlichen Atemwegszellen erkannt werden.

Prof. Ege zufolge hätten diese Rezeptoren vielfältige Funktionen, unter anderem im Immunsystem, und würden vermutlich dazu beitragen, überschießende Entzündungsreaktionen zu verhindern. Ihre Bedeutung für den Bauernhofeffekt sei bislang nicht bekannt gewesen. Damit werde erstmals die gesamte biologische Kette sichtbar: Kuh → Stallluft → Bakterien → Stoffwechselprodukte → menschliche Rezeptoren → Schutz vor Asthma.

Die neuen Erkenntnisse können jetzt von Laborforschern genutzt werden, um die molekularen und zellulären Mechanismen des Bauernhof-Effekts zu entschlüsseln. Das eröffnet die Perspektive, ein Medikament zu entwickeln, das den Bauernhof-Effekt nachahmt - ohne dass sich Kinder dafür im Kuhstall aufhalten müssen.

Originalpublikation

Pagani G, Loss G, Pechlivanis S et al. Gram-Positive Bacteria and the Inverse Association between Farm Exposure and Childhood Asthma. NEJM Evid. 2026 Aug;5(8):EVIDoa2500271. doi: 10.1056/EVIDoa2500271. Epub 2026 Jul 28.

Quelle: LMU Klinikum München
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