Ganzheitliche Wege aus der Erschöpfung mit Naturheilkunde und Hyperthermie
Ganzheitliche Wege aus der Erschöpfung mit Naturheilkunde und Hyperthermie
Ganzheitliche Wege aus der Erschöpfung mit Naturheilkunde und Hyperthermie
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In einer dreiteiligen Serie stellt die Initiative GESUNDE VIELFALT naturheilkundliche Kliniken in Deutschland vor, die mit multimodalen, integrativmedizinischen Ansätzen ganzheitliche Wege gehen, um Betroffenen, die an einem Post- oder Long-COVID-Syndrom leiden, wirksam zu helfen.
Das Post- oder Long-COVID-Syndrom lässt bis heute etwa jeden zehnten Menschen, der sich mit SARS-CoV-2 infiziert hat, unter einer Vielzahl an Symptomen leiden. Dazu zählen insbesondere starke Erschöpfung (ME/CFS), kognitive Beeinträchtigungen, Atemnot oder Herzrasen [1]. Schon den Alltag zu bewältigen, fällt schwer. Ein Teil der Patienten ist arbeitsunfähig oder sogar bettlägerig. Eine offizielle Gesamtstatistik fehlt, die Zahl der Betroffenen wird auf 650.000 bis etwa 1,5 Millionen Menschen geschätzt [2]. Die Dunkelziffer ist hoch. Die konventionelle Medizin behandelt in der Regel symptomorientiert und mit rehabilitativen Interventionen, die oft aber eher überfordern als unterstützen. Nach einem wirksamen Medikament wird geforscht, in Deutschland etwa an der Charité in Berlin [3].
Naturheilkundliche Therapieansätze in Bamberg und München
Prof. Dr. med. Jost Langhorst, Chefarzt der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg, sowie Robert Schmidt, Chefarzt des Krankenhauses für Naturheilweisen (KfN) in München nutzen im Rahmen einer multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapie auch Hyperthermie („künstliches Fieber“).„Es gibt nicht die eine Therapie, die jedem hilft, deshalb müssen wir immer individuell vorgehen“, betont Robert Schmidt. Prof. Jost Langhorst stimmt ihm zu und ergänzt: „Dadurch sehen wir aber viele Verläufe, die wirklich besser werden.“ 2024 habe beispielsweise eine prospektive Versorgungsforschungsstudie zur stationären Therapie an seiner Bamberger Klinik „signifikante Verbesserungen des Symptomkomplexes sowie der Selbsteinschätzung zur Arbeitsfähigkeit“ gezeigt [4]. Eine qualitative Studie zum elfwöchigen Programm an der hauseigenen Tagesklinik ergab zudem „eine effektive Symptomverringerung, verbesserte Strategien der Selbstfürsorge und des Umgangs mit der Erkrankung”.
Am KfN in München konnte eine interne Beobachtungsstudie belegen, berichtet Chefarzt Robert Schmidt, dass die multimodale naturheilkundliche Komplexbehandlung binnen zehn Tagen zu einer signifikanten und anhaltenden Besserung des Symptomkomplexes geführt hat. „Unser realistisches Therapieziel ist nicht sofortige Beschwerdefreiheit, sondern eine spürbare Funktionsverbesserung“, so Robert Schmidt, „die Vitalität stieg im Schnitt von 30 auf 60 Prozent.“ Zudem sei vor der Behandlung nur knapp jeder zehnte Patient voll arbeitsfähig gewesen, sechs Monate nach dem Aufenthalt im KfN aber „immerhin etwa jeder vierte“.
Die multimodale naturheilkundlichen Komplextherapie beim Post-COVID-Syndrom
Der multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapie steht eine Vielzahl an verschiedenen Therapiebausteinen zu Verfügung, die für jeden Patienten neu kombiniert werden. Sie ähneln sich häufig und basieren auch an den beiden hier genannten Kliniken auf fünf Säulen, wie sie ebenfalls die Kneippmedizin kennt: eine ausgewogene Ernährung, Bewegungstherapie, in diesem Fall mit „Pacing“ (Belastungsmanagement), Phytotherapie (ergänzend zu herkömmlicher Pharmakotherapie), Hydro- und Thermotherapie sowie Ordnungstherapie oder moderner: Mind-Body-Medizin (u.a. Stressreduktion mit Entspannungsverfahren und Achtsamkeit, Kunsttherapie, Einzel- und Gruppengespräche). „Einen multimodalen Ansatz sieht zwar auch die S1-Leitlinie zur Behandlung von Long- und Post-COVID vor, aber das können viele Akutkliniken gar nicht leisten“, betont Prof. Jost Langhorst.Selbstheilungskräfte und Selbstwirksamkeit fördern
Die ganzheitliche Herangehensweise ist nicht nur individueller als konventionelle Ansätze. Sie ist zudem von einem anderen Bild des Menschen geprägt: Die naturheilkundlichen Verfahren sollen gezielt das Immunsystem stimulieren, die Selbstheilungskräfte anregen und damit die Selbstregulation des Organismus fördern. Körper, Seele und Geist werden als Einheit begriffen. Verfahren der Mind-Body-Medizin sollen explizit auch die Psyche stärken und darüber den Körper. Zentral ist die Motivation zu Lebensstilmodifikationen. Die Patienten erhalten viele Methoden an die Hand, die sie zu Hause anwenden können. Eine solche Aktivierung erhöht die Selbstwirksamkeit, reduziert nachweislich Stress und fördert die dringend benötigte Regenerationsfähigkeit des Organismus.Zusätzlicher Schwerpunkt: Ganzkörperhyperthermie oder „Künstliches Fieber“
In Verbindung mit der naturheilkundlichen Behandlung setzen die beiden Chefärzte in Bamberg und München auch auf die sogenannte Ganzkörperhyperthermie: Dabei wird im Körper der Patienten ein kontrolliertes, künstliches Fieber mit 38,5 bis 39,5 Grad Celsius erzeugt. Unterstützt von einer begleitenden Sauerstofftherapie soll es die Abwehrkräfte befähigen, noch vorhandene Spikeproteine zu eliminieren, die nach einer Coronainfektion im Körper verblieben sind und eine Vielzahl der Beschwerden mit verursachen können. „Bei dieser Temperatur ist das Immunsystem nachweislich am aktivsten“, erklärt Prof. Jost Langhorst, „für uns ist dieses Verfahren ein echter Gamechanger“. Sein Team nutzt ein spezielles Verfahren, um das Immunsystem entsprechend anzuregen. Dabei wird die Infrarot-Strahlung durch Wasser gefiltert und kann so tiefer in das Gewebe eindringen und die kleinen Blutgefäße erreichen, ohne die Haut zu schädigen. Auch im KfN in München hat sich, so Chefarzt Robert Schmidt, die Ganzkörperhyperthermie als „besonders effektiv” erwiesen.Alle Krankenkassen übernehmen die Kosten für die multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapien am Krankenhaus für Naturheilweisen in München sowie an der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg.
Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe: Überschießende Immunreaktion im Fokus
Prof. Dr. med. Harald Matthes, Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin, erläutert, dass Post-COVID nach seiner Einschätzung mit einer überschießenden Immunreaktion und der Bildung bestimmter Autoantikörper verbunden sein könne. Diese könnten verschiedene Rezeptoren beeinflussen und dadurch unter anderem Fatigue, Konzentrationsprobleme, Muskelschwäche, Atemnot und eine eingeschränkte Belastbarkeit begünstigen.Im Kern geht es dabei um folgende, stark vereinfachte Grundannahmen:
- An der Oberfläche des Corona-Virus befindet sich ein stachelig aussehendes Eiweiß, das sogenannte Spikeprotein. Wie ein Schlüssel passt es an „ACE-Rezeptoren“ menschlicher Zellen, womit das Virus diese für sich kapert.
- Das Immunsystem des Körpers wehrt sich dagegen und bildet Antikörper gegen das Spikeprotein.
- Problem: Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten fällt diese Immunantwort zu heftig aus. Ihr Organismus stellt nun auch bestimmte Auto-Antikörper her, die sich auch gegen ähnliche körpereigene Rezeptoren richten (sog. G-Protein coupled Receptors, kurz GPCR).
- Die ACE- und GPC-Rezeptoren werden von diesen Auto-Antikörpern langanhaltend stimuliert und können ihrer eigentlichen Arbeit nicht nachgehen: Dazu gehört das Regulieren einzelner Organfunktionen bis hin zum Immunsystem.
„Durch die Dauerstimulation der Zellen kommt es zu einem ,metabolischen Burnout‘ der Zellen“, erläutert Prof. Harald Matthes. Schon geringe Belastungen könnten bei Betroffenen kräftemäßig einen „Crash“ hervorrufen (Post Exertional Malaise, PEM).
Integrativmedizin mit „off label use“: „Blutwäsche“ und Ganzkörperhyperthermie
Für mittelschwere und schwere Verläufe setze das Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe neben der Ganzkörperhyperthermie vor allem die Immunadsorptionsapherese ein. Bei dieser sogenannten „Blutwäsche“ würden Autoantikörper mithilfe eines Filters aus dem Plasma entfernt. Nach Angaben von Matthes würden fünf ambulante Sitzungen innerhalb von 14 bis 16 Tagen durchgeführt. Die Hyperthermie könne die Behandlung ergänzen; dabei werde die Körpertemperatur auf bis zu 39,5 °C erhöht, sodass sich die Auto-Antikörper leichter von den Rezeptoren lösen und aus dem Gewebe besser ausgewaschen werden können.Spikeopathie
Bei einem Teil der Betroffenen liege nach Einschätzung von Matthes zusätzlich eine sogenannte „Spikeopathie“ vor, bei der weiterhin Spikeproteine im Körper nachweisbar seien. In diesen Fällen würden u. a. Medikamente wie Ivermectin und Enzyme eingesetzt. Die genannten Verfahren seien bislang nicht als standardisierte Post-COVID-Therapie etabliert und würden teilweise im Off-Label-Use angewendet.Positive Zwischenergebnisse von zwei Studien
Nach Angaben von Matthes zeigen erste Zwischenergebnisse zweier noch nicht veröffentlichter Studien positive Effekte: Die Ganzkörperhyperthermie in Kombination mit Medikamenten habe bei rund 60 Prozent der Behandelten verbliebene Spikeproteine beseitigen können; die Apherese habe bei etwa 70 Prozent den allgemeinen Gesundheitszustand sowie Beschwerden wie Müdigkeit und Schmerzen verbessert. Diese Ergebnisse müssten nach Veröffentlichung der Studien wissenschaftlich bewertet werden.Darüber hinaus verfolgt das Gemeinschaftskrankenhaus ebenfalls einen multimodalen integrativmedizinischen Ansatz. Dazu gehören unter anderem Ernährung, Bewegung und Pacing, Phytotherapie, Entspannungsverfahren sowie Verfahren aus der Anthroposophischen Medizin.
Teilweise Kostenerstattung und Forderung nach mehr Forschung
Die Kosten für die ambulante multimodale Therapie am Krankenhaus Havelhöhe übernehmen alle Krankenkassen. Die Arzneimittel im Off-Label-Use zur Behandlung der Spikeopathie werden meist nicht erstattet. Die Immunadsorptionsapherese wird derzeit noch von vielen Krankenkassen im Rahmen einer Erprobungsregelung finanziell übernommen.Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit am Universitätsklinikum (UK) in Essen
Das Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit bzw. die Mind-Body-Medizin am Universitätsklinikum (UK) in Essen behandeln ebenfalls Post-COVID-Patient*innen erfolgreich mit integrativmedizinschen Therapieoptionen.Teilnehmer der sogenannten NaShPoCo-Studie am Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit [7] des Universitätsklinikums (UK) Essen berichteten nach dem zehnwöchigen multimodalen Programm von „signifikant weniger Belastung durch die verschiedenen Post-COVID-Symptome“, wie Forschungsleiterin am Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit des Universitätsklinikums (UK) Essen Dr. Heidemarie Haller sagt. „Zudem verbesserte sich die Lebensqualität, und Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen und Fatigue, also chronische Erschöpfung, nahmen ab.“ Es handele sich um Zwischenergebnisse, die kontrolliert-randomisierte Studie soll demnächst veröffentlicht werden.
Tagesklinische und stationäre Patienten profitieren schon von dieser Therapie
Noch im Verlauf der Studie wurde das Konzept von Kollegen an der Klinik für Naturheilkunde & Integrative Medizin [8] der Evang. Kliniken Essen-Mitte in die tagesklinische und stationäre Patientenversorgung übernommen, wie Christiane Pithan, Leiterin der Mind-Body-Medizin am UK Essen, ergänzt. „Wir konnten relativ schnell einschätzen, welche Aspekte des Programms wirksam sind, seither wird es dort angeboten. Alle Krankenkassen übernehmen die Kosten. Für die ambulante Behandlung kommen allerdings nur private Krankenversicherungen auf.“Integrative Komplextherapie mit gesunder Ernährung für Darm, Immunsystem und Gehirn
Zu den Bausteinen der integrativen Komplextherapie gehört neben Hydrotherapie mit Wärme- und Kältereizen etwa durch Kneippgüsse und Beratung zu ergänzenden pflanzlichen Arzneimitteln eine ausgewogene Ernährung mit ballaststoffreicher, mediterraner Vollwertkost. Sie ist reich an Omega-3-Fettsäuren und sekundären Pflanzenstoffen. Diese fördere ein vielfältiges Mikrobiom im Darm und damit, so Christiane Pithan, „unter anderem das Immunsystem, über die Darm-Hirn-Achse. Aber auch kognitive Funktionen und die emotionale Ausgeglichenheit. In unserer Lehrküche haben wir nicht nur die Herangehensweise und Rezepte vermittelt, sondern auch das Prinzip der Selbstfürsorge.“ Post-COVID-Patient*innen profitieren bei Bewegungseinheiten besonders von bewussten Pausen (,Pacing‘), wie Dr. Heidemarie Haller betont: „Je mehr Crashs und je mehr Überforderung, desto schwieriger wird es, aus der Erschöpfung herauszukommen. Die Fatigue hat dabei immer körperliche und psychische Ursachen und Faktoren, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung beitragen. Wir haben darauf abgezielt, beide Ebenen naturheilkundlich zu stärken, damit der Organismus wieder mehr in die Balance kommt und die Erkrankung überwinden kann.“Mind-Body-Medizin: Selbstheilungskräfte und Selbstregulation stimulieren
„Gerade Post-COVID ist starker Stress für Körper und Seele, das sympathische Nervensystem ist konstant aktiv“, erklärt Christiane Pithan, „Stress aber blockiert Heilung.“ Der Körper könne seine Selbstheilungsprozesse nur in Gang zu setzen, wenn auch der Parasympathikus, der Gegenspieler des Sympathikus, funktioniere. Nur dann sei Regeneration möglich. „Deshalb haben wir einen großen Schwerpunkt auf Mind-Body-Medizin-Verfahren wie Achtsamkeit, Entspannungsverfahren und die Regulation des parasympathischen Nervensystems und damit des Vagusnervs gelegt, der zentral ist für Entspannung.“ Zusätzlich genutzt wurde Aromatherapie mit Wickeln und Auflagen für einen besseren Schlaf, Ohrakupunktur zur Förderung der Entspannung und gegen Schmerzen, ebenso wie Yoga.Anwendungen in der (Tages-)Klinik erlernen und zu Hause selbst umsetzen
Sämtliche Interventionen von der Ernährung, über Kneipp-Anwendungen wie Güsse, Wickel und Auflagen bis zu Akupressur sowie spezielle Kräutertees wurden erläutert und „vor Ort eingeübt, sodass es leichter fällt, sie zu Hause selbst ein- und umzusetzen“, sagt Dr. Heidemarie Haller. „Zudem haben wir Informationsmaterial herausgegeben, das alle Anwendungen genau erklärt, mit ihren Wirkungen und Nebenwirkungen und worauf besonders zu achten ist.“ Die Möglichkeit, zu Hause aktiv zu werden und etwas gegen die eigenen Beschwerden unternehmen zu können, hat ebenfalls therapeutischen Wert: „Es stärkt die Selbstwirksamkeit und mindert zusätzlich Stress“, erläutert Christiane Pithan.Literatur
1. Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue Syndrom (ME/CFS) dazu auch: https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs2. https://mecfs-research.org/press/press-releases/pm-costreport-long-covid-and-mecfs und https://link.springer.com/article/10.1007/s42212-024-00707-4
3. https://link.springer.com/article/10.1007/s00406-024-01792-1
4. https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2025.1688592/full
5. https://www.havelhoehe.de/de/abteilungen-zentren/zentrum-fuer-immuntherapien-apheresezentrum/
6. https://mecfs-research.org/costreport-long-covid-and-mecfs/
7. https://naturheilkunde.uk-essen.de/
8. https://kem-med.com/news/post-covid-genesen-und-trotzdem-nicht-gesund/
Quelle: Initiative Gesunde Vielfalt





