„Grün“, die Homöopathie und die ökologische Bewegung
„Grün“, die Homöopathie und die ökologische Bewegung
Grüne Beschlüsse, Symbolpolitik und Binnenkonsens, wie Ideen sich gegen sich selbst wenden und die Vision einer Ökosophie
Dieser Essay von Carl Classen braucht etwas Zeit zum Lesen. Die fachliche, politische und auch kulturelle „Fallanalyse“ sowie die Entwicklung neuer Perspektiven lohnen es aber.
„Grün“, ist das nicht längst durch? Einen Blick lohnt der vom Parteitag der Grünen infrage gestellte „Binnenkonsens“. Tiefer reicht die Analyse gemeinsamer Wurzeln der ökologischen Bewegung und des Aufschwungs von Homöopathie und Naturheilkunde seit den 1970er-Jahren. Die seither beobachteten grünen Kulturbrüche konfrontieren uns mit dem Phänomen der „ideellen Inversion“, der Verkehrung einer Idee. Neue Bewegung aber braucht nicht neue Parteien, sondern tiefgreifend neue Denk- und Handlungsweisen. Nicht nur die Homöopathie, sondern das Leben selbst braucht eine geistoffen lebensnahe Wissenschaft und Weisheit, braucht Schritte von der bilanzierenden Ökologie hin zu einer Ökosophie.
Über die ersten Wellen sind wir hinaus, die der am 28.11.25 getroffene Beschluss der Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) von „Bündnis 90/Die Grünen“ zur Homöopathie geschlagen hatte: Es seien nicht nur Homöopathie-Leistungen aus der Kostenerstattung auszuschließen, sondern außerdem sei der sogenannte Binnenkonsens – weiter unten kurz erläutert – zu überarbeiten oder abzuschaffen. Das ist nur ein Parteitagsbeschluss, aufgrund von Formfehlern womöglich auch parteiintern vorerst unwirksam1. Dessen ungeachtet beobachten wir eine erhebliche Signalwirkung.
Im Folgenden versuche ich eine auf sozialpsychologische und zeitgeistige Phänomene gerichtete „Fallanalyse“, die Muster erkennen lässt und auf Selbstermächtigung durch tieferes Verständnis zielt. Mit etwas Denkarbeit gelingt es, zu einem Aufruf statt eines Nachrufs zu gelangen. Auf lange Sicht angelegte Strategien brauchen solchen Boden und Mut zu Neuland.
Ein Parteitagsbeschluss der grünen BDK und seine Signalwirkung
– was geschah? Zwischen Politik und kultureller Weichenstellung –
Eigentlich sollte eine aus der Ökologie- und Friedensbewegung hervorgegangene grüne Partei, mit Naturschutz als einem Zentrum ihres Wertekerns, auch natürlichen Heilweisen Sympathie entgegenbringen. Was aber ist raffinierter als eine Idee oder einen Impuls, anstatt ihn direkt zu bekämpfen, durch die jeweils eigenen Vertreter in das Gegenteil zu verkehren? Wie und wo kann es dennoch weitergehen? Beides bleibt zu betrachten. Erinnern wir uns an den BDK-Beschluss vom November 2025 und was diesem vorausging: Schon 2019 hatte es einen ersten entsprechenden Anlauf gegeben, der zunächst gescheitert war. Damals waren die „Jungen Grünen“ dafür instrumentalisiert worden. Nun scheint die Umkehrung der Parteilinie im Gesundheitsbereich vollendet zu sein. Auch in den Corona-Jahren (wenn nicht schon lange davor) fühlten viele Menschen im naturheilkundlichen und ökologischen Umfeld sich verraten von einer Partei, die uns von ihren Ursprüngen her eigentlich eine Chance geben sollte. Bei anderen Parteien, wie beispielsweise der Linken, ist man von homöopathie-kritischen Positionen zumindest nicht überrascht. Und natürlich hat die neue Ausrichtung ausgerechnet einer grünen Partei eine weit größere, auch auf andere Parteien abfärbende Symbol- und Signalwirkung.
Also eine von langer Hand angelegte Strategie? Sicherlich, ja. So zieht bpsw. das „Grüne Netzwerk evidenzbasierte Politik“2 seine Themenkreise längst weit über die Medizin hinaus und will eben nicht nur einen Dialog zwischen Wissenschaft und Politik, sondern – wie der Namen schon sagt – „evidenzbasierte Poltik“. Es handelte sich aber keinesfalls, wie man „verschwörungstheoretisch“ glauben könnte oder wie einzelne Darstellungen kommunizierten, ein in der grünen Führungsspitze schon länger feststehender Plan. Über die Netzwerke der „Gesamtkonferenz Deutscher Heilpraktikerverbände und Fachgesellschaften“ (GDHP) hatten wir im Vorfeld der aktuellen BDK Kontakte bis in den Bundesvorstand der Grünen hinein. Zum grünen Gesundheitsausschuss auch auf direktem Wege. Dem Eindruck nach war der grüne Bundesvorstand allzu überzeugt, seinen Kompromissvorschlag durchsetzen zu können, hatte die Dynamik unterschätzt, war argumentativ wie personell nicht gut vorbereitet – vielleicht auch nicht sehr motiviert nach bestimmten Angriffen – und konnte zu später Nachtstunde von einem kleinen Landesverband überrannt werden. Die schon erwähnten, nächtlichen Formfehler werden die Beschlusslage voraussichtlich eher verzögern als aufhalten.
Kleine Analyse zu Binnenkonsens und heiliger Evidenz
– Symbolpolitik mit Framing versus arzneimittelrechtliche Fakten –
Schon aufgrund teils widersprüchlicher Änderungsanträge gehen wir davon aus, dass die Abstimmenden kaum wussten, was die geforderte „Überarbeitung des Binnenkonsens“ tatsächlich bedeutet. Für Laien klingt Binnenkonsens ja fast wie Mauschelei, als ob irgendein Club alles unter sich abmachen könnte. Einerseits gibt es den informell3 als Binnenkonsens bezeichneten Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA, der über die Erstattungsfähigkeit medizinischer Leistungen entscheidet. Dort gibt es keine besonderen Strukturen für bestimmte Therapierichtungen, sondern allenfalls eine Beschlusslage. Davon zu unterscheiden ist – der grüne Parteitagsbeschluss scheint beides zu vermischen – eine ebenso als Binnenkonsens bezeichnete Struktur im Arzneimittelrecht4. Das Bundesgesundheitsministerium beruft Fachkommissionen mit Experten bestimmter Therapierichtungen ein, im Einzelnen die Kommissionen C, D und E für anthroposophische, homöopathische und phytotherapeutische Arzneimittel. Diese beraten das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bei der indikationsbezogenen Zulassung entsprechender Arzneimittel. Die Kommissionen haben nicht mehr als ein Anhörungsrecht. Entscheidungen über die Zulassungen trifft ganz alleine das BfArM. Das BfArM hat durch die Kommissionen den Vorteil, für die genannten Therapierichtungen sehr kostengünstig externe Expertise nutzen zu können. Für die Anwenderseite bestehen – allerdings nur indirekte5 – Möglichkeiten des Dialogs. Dieser arzneimittelrechtliche Binnenkonsens ist wichtig, doch anders als anderweitig behauptet, wären von einem Wegfall lediglich die Kommissionen und nicht etwa der Arzneimittelstatus oder die Registrierungen betroffen. Unbestritten sind weiterreichende Ziele der Gegner. Die Angriffe auf den Binnenkonsens sind – ebenso wie die anderweitig diskutierten und nicht einmal auf Einsparungen ausgerichteten Angriffe auf mögliche Kostenerstattung – zunächst eher Symbolpolitik und fachlich wenig fundiert. Schauen wir auf die Kreise der selbst ernannten Skeptiker als gar nicht so versteckte Akteure im Hintergrund, wird allerdings eine sehr viel weiter reichende, durchaus auf einen kulturellen Bruch zielende Strategie erkennbar. Im Fokus stehen nicht alleine die Medizin, sondern ebenso Bildung und Kultur, letztlich Bewusstsein und Selbstbestimmtheit der Menschen6.
Die auch in anderen Parteien bewegte Idee der „Grünen“, künftig nur noch evidenzbasierte Medizin zu bezahlen, also von der Forschung belegte Verfahren, könnten wir ja fast schon wieder gut finden: Eine 2022 veröffentlichte Cochrane Übersichtsarbeit zu Metaanalysen kommt zu dem Schluss, dass es nur für 5,6 % aller ausgewerteten (schul-)medizinischen Interventionen hochwertige Belege gibt7. Darauf hinzuweisen ist ein bisschen mehr als ein „red herring“, ein vereinzelt stinkender Fisch im anderen Teich. Zumal die Forschungslage und damit die Evidenz für die Homöopathie mit den Übersichtsarbeiten von Hamre et al zur klinischen Forschung, und vorher bspw. von Bornhöft/Mathiessen zu Kosten, Wirksamkeit und Nutzen, sowie mit der replizierten Grundlagenforschung von Baumgartner recht gut aussehen8.
Wenn einzelne Akteure die Beschlüsse der Grünen stark überzogen darstellen, bis hin zu einem vorgeblich geplanten faktischen Verbot der Homöopathie, und Ziele der Gegner damit öffentlich vorwegnehmen, dann werden sie damit Traffic erzeugen und ein paar schlafende Gemüter wecken – doch für die politische Arbeit nützt uns dies wenig.
Gemeinsame Wurzeln in der Ökologie-Bewegung der 1970er- und 80er-Jahre
– Homöopathie-Boom inmitten der Suche nach einem anderen Weltverhältnis –
Nein, es geht mir nicht um wohlfeiles Parteien-Bashing. Fast ähnlich der Homöopathie, wurde auch die grüne Partei in den letzten Jahren zur Projektionsfläche und zum Prügelknaben oder -mädchen für Fragen, an denen wir uns gesellschaftlich reiben. Einige deutliche Worte kann ich uns trotzdem nicht ersparen. Mein Alter erlaubt mir gerade, mich an die Ökologiebewegung der späten 1970er-Jahre zu erinnern, aus der heraus im Jahr 1980 dann eine Partei gegründet wurde. In dieser Ökologiebewegung wurzelte auch der Homöopathie-Boom, der in den 1980er- und 90er-Jahren Fahrt aufnahm. Man interessierte sich für naturnahes Leben und demonstrierte gegen Atomkraftwerke, die ersten „Bioläden“ entstanden und selbstverständlich gab es ein großes Interesse für natürliche Heilweisen, einschließlich TCM und Ayurveda. In der politischen Linken, die sich mit der grünen Bewegung teils vermischte, gab es eine rationalistisch-materialistische Strömung, die sich über Marx und Hegel hinaus bis in die französische Aufklärung und weiter zurückverfolgen lässt. Das eigentliche „Grün“ hatte ganz andere Wurzeln, die wir etwa bei Jean-Jacques Rousseau (ebenso französische Aufklärung), in der Romantik und vor allem in der Lebensreformbewegung gegen Ende des 19. Jh. bis hin zu Monte Verità finden, und war politisch häufig weniger ambitioniert. Eindimensionale Skalierungen nach „links“ und „rechts“ taten freilich schon den damaligen Wirklichkeiten Gewalt an. Eine strikt rationalistische Agenda gab es allenfalls in den Glaubensgemeinschaften der Kommunisten. Bevor in den 1990er Jahren der Neoliberalismus auch in die Sozialdemokratie überschwappte, hieß „links“ zu sein nicht mehr, als soziale Gerechtigkeit und Solidarität einzufordern, auch übernational, und die etablierten, als reaktionär und autoritär empfundenen, mit Konzerninteressen verfilzten Machtstrukturen infrage zu stellen. Als Schimpfwort hörte man Begriffe wie „linksintellektuell“ damals eher von Leuten, die sich, wenn nicht Schlimmeres, Kaiser Wilhelm zurückwünschten.
Wege einer längst wieder neu zu greifenden Ökologie-Bewegung
– Vielfalt als Chance überparteilicher Bewegung –
Die damalige Umwelt-, Ökologie- und Friedensbewegung lebte gerade von der Breite ihres Spektrums, das von Hippies und Aussteigern, Künstlern und Intellektuellen, Mystikern und Machern, Anthroposophen und Theologen bis zu mehr politisch motivierten, wertkonservativen bis friedlich-revolutionären Menschen reichte. Weiterbildungen zur Homöopathie fanden in dieser Aufbruchstimmung und Suche nach neuen Lebensformen mehr als reichlichen Zulauf. Über fehlende Patientinnen und Patienten musste man sich da wenig Sorgen machen. Hätten die „Grünen“ damals eine Bewegung bleiben und überparteilich wirken sollen, statt eine Partei zu gründen? Das meinte ein Freund und heute gebe ich ihm Recht. Ich muss es drastischer sagen: Eine einst sehr vitale Bewegung ist nach und nach in diese Partei hineingestorben. Der letzte Parteitagsbeschluss war ein womöglich letzter Sargnagel. Die in der Partei weiterhin gebundenen Kräfte fehlen einer überparteilich politisch wirksamen grünen Bewegung. Diese fehlt nicht nur der Homöopathie, sie fehlt auch Menschheit und Erde. Oder darf sie neu gegriffen werden?
Ökosophie statt Ökologie
– vom bloßen Bilanzieren zum lebendigen Beziehungsgeschehen –
Nein: das Bilanzieren von Kohlenstoff, Emissions-Ablasshandel oder bis zu drei Tonnen schwere Elektro-SUV werden niemanden retten. Was Not tut, ist eine wirklich neue Beziehung zum Leben, zum Lebendigen dieses Planeten, zum großen Leben und dann auch zu uns selbst in alledem. Das ist kein politisches Programm. Es ist eine Bewusstseinsfrage. Es ist der Schritt von einer bilanzierenden Ökologie hin zu einer in den Beziehungsräumen erkennenden und realisierten Ökosophie9. Ökosophie ließe sich charakterisieren als zu erforschende Weisheit und Wissenschaft des Zusammenspiels, der Wandlungen und des gegenseitigen Erhalts aller Wesen, Kräfte und Substanzen im Universum. Sie ist jenes Buch der Natur, dessen Seiten wir selbst sind und fortschreiben. Ein damit im Beziehungsweben wachsendes Bewusstsein des Ganzen ist zugleich die Grundlage jeder Ethik und des Friedens. Aus ökosophischer Perspektive gibt es denn auch keine Umwelt, sondern nur Mitwelt. Bäume pflanzen – oder eben naturgemäße Heilweisen zu praktizieren – sind kleine Beispiele für praktische Schritte. Ökosophie umfasst Bildung, Wirtschaft, Rechtswesen und ‚Grün‘10 zusammen mit allen anderen Farben des Regenbogens. Würden unsere Hochschulen sich mit echten Lebenswissenschaften befassen und lebendigen Geist ermutigen, dann müsste die Homöopathie nicht mehr um ihren Platz kämpfen. Blinde Wundergläubigkeit oder Pseudo-Esoterik würden sich ebenso erübrigen. Alles dies darf jetzt, immer jetzt begonnen werden. Doch einige der Kräfte, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirken, bleiben, damit sie uns nicht auf die Füße fallen, vorab zu untersuchen.
Scheiterhaufen der Kälte, „ideelle Inversion“ und Inquisition heute
– Dostojewskis Großinquisitor, Orwells Farm der Tiere und Kältezonen des Scientismus –
Wie sozial sind Sozialdemokraten, wie christlich sind Christdemokraten, welche Freiheit meinen Liberale, wie alternativ sind sogenannte Alternative und wie demokratisch sind alle miteinander? In jeder Gruppierung fanden oder finden Entwicklungen statt, die den ideellen Ausgangspunkten geradezu entgegengesetzt erscheinen oder, im besseren Falle, sich ungefähr die Waage damit halten. Zu berücksichtigen ist ebenso, dass jede Partei und jede Institution in sich selbst ganze Spektren trägt. Es bleibt die Beobachtung eines Phänomens, das von allgemeineren Effekten der Institutionalisierung sowie wie auch des demokratiezersetzenden Lobbyismus zu unterscheiden ist. Wir nähern uns damit einem Charakteristikum oder „§ 153“-Merkmal11 des zeitgeistigen Geschehens. Es gibt ein Phänomen, das sozialwissenschaftlich als „ideologische Inversion“ (Umkehrung, Umstülpung) beschrieben wird. Da unsere Parteien sich vorwiegend als Vertreter bestimmter Ideen und nicht von Ideologien verstehen, scheint mir der Begriff „ideelle Inversion“ angemessener zu sein.
Eine der pointiertesten Beschreibungen einer ideellen Inversion, die ich kenne, ist Fjodor Dostojewskis Erzählung vom Großinquisitor. Dostojewski zielt damit einesteils auf die Machtkirche als eine – aus seiner Sicht – antichristliche Institution. Der Autor lässt den Chef der Inquisition in einer fiktiven Begegnung mit dem wieder erschienenen und sogleich festgenommenen – fast nur zuhörenden! – Christus so eloquent, schlüssig, glaubwürdig und scheinbar auf das Wohl aller bedacht sprechen, dass auch heute jeder und jede darin durchaus eigene Denkweisen und Haltungen erkennen kann. Der Leser, die Leserin darf durchaus verunsichert sein, auf welcher Seite sie oder er – oder auch der Autor – eigentlich steht. Der Großinquisitor ist kein Sadist und er denkt erstaunlich modern. Gut begründet erläutert er, welche Art von Sicherheit, Wohlstand, Menschenliebe und Befriedung durch naiven Glauben er vertritt; alleine nur die Freiheit mag er nicht und schmäht deren Einsamkeit und hohen Preis.
Eine vielleicht bekanntere literarische Schilderung der Inversion, der Umstülpung einer Idee im Zuge ihres Eintritts in reale Machtverhältnisse, ist George Orwells „Farm der Tiere“. Die unterdrückten Tiere eines Bauernhofs befreien sich von ihrem Farmer und errichten eine neue Regierung, bis eines Tages alles wieder beim Alten oder schlimmer ist. Sprichwörtlich daraus wurde der Satz „Alle sind gleich, aber manche sind gleicher“. Die Revolution invertiert die soziale Idee hier in ihr Gegenteil, die soziale Wirklichkeit hingegen invertiert bis zur Selbstähnlichkeit des umgestülpten Handschuhs. Ich gehe davon aus, dass auch die Homöopathie (analog auch die Anthroposophie usw.) keinesfalls dieselbe bliebe, wenn sie, erlauben wir uns das zu Ende Denken als Gedankenspiel, zur medizinischen und sonstigen Staatsdoktrin würde. Beim Ringen um offizielle Anerkennung und Kostenerstattung der Homöopathie werden entsprechende Systemdynamiken leider oft verkannt.
Inversion, oder Umkehrung einer Idee in ihr Gegenteil, ist allerdings kein Naturgesetz. Sie geschieht vor allem dort, wo man sich nach innen hin bequem einrichtet, sich die Machtmittel dieser Welt zu eigen macht und den „Gegner“ regelmäßig im Außen verortet und bekämpft. Wo immer auch ein geistig Lebendiges, das sich allenfalls noch als Methode manifestieren möchte, zum System wird, droht Erstarrung und Verkehrung. Wie etwa in der Anthroposophie diskutiert, die von solchen Prozessen nicht ausgenommen bleibt, vermag die Verkehrung gerade der höchsten Prinzipien und Impulse den größten Schaden anzurichten.
Wie aktuell aber ist die Analogie zu Kirche und Inquisition? Mit veränderten Polaritäten – denn heute sind es vorwiegend die Wissenschaften und weniger spirituelle Erfahrungen, die als Glaubenssystem missbraucht werden – besteht heute durchaus eine neue, eine scientistische Inquisition. Heute brennen zwar keine Scheiterhaufen mehr. Nein, ganz im Gegenteil: Für uns vorgesehen sind die eisigen Kältezonen sozialer Ächtung und Isolation. Auch hier ist die Umstülpung, wenngleich einige Vorzeichen sich gegenpolar verhalten, hin zur Selbstähnlichkeit einer Inquisition 2.0 vollzogen. Das ist mehr als nur literarisch. Die beruflichen Aussichten begrenzen unseren Nachwuchs. Doch ausgeliefert sein müssen wir nicht. Wichtig bleiben Wachheit und Eigenreflexion, sind eine Vision und innere Verjüngung, ein beständiges inneres Feuer – ohne Aufregung und Fanatismus – sowie unser Miteinander. Nicht etwa Harmoniesucht, sondern Offenheit, Kritikfähigkeit, Echtheit der Begegnung, vereinbarte Werte, begründetes Vertrauen sowie Mut zum Wandel und zur Veränderung.
Therapiefreiheit braucht innere Freiheit
– Netzwerken mit frischem Wind –
Beweggründe, Werte, Offenheit und Echtheit – auch im Sinne von Ehrlichkeit – interessieren mich mehr als Parteiausweise, Meinungen oder therapeutische Richtungen, und ich glaube an die Macht der freien Begegnung. In den meisten Parteien und Institutionen finden wir Menschen, mit denen ein guter Austausch möglich ist. In unseren Communities sehe ich Kooperations- und Teamfähigkeit als entscheidende Qualitäten. Wir haben manche neuen Initiativen gesehen, die zunächst frischen Wind versprachen und bald entweder in den gleichen Fahrwassern waren oder gegen andere stritten. Und solche, die inzwischen tatsächlich gute Arbeit leisten. Auch wir begannen einmal frisch und unbelastet, während heute vielleicht etwas mehr Weitblick und auch mehr Offenheit gegenüber anderen Therapiemethoden und auch der konventionellen Medizin von uns erwartet wird. Ohne Institutionen geht es wohl nicht. Solange wir die Auswirkungen von Institutionalisierung, Systemverflechtung, Interessenkonflikten und Ego-Profilierung wahrnehmen, können wir gegensteuern. Es sind nicht immer nur äußere Gegner, die uns bedrohen. Eigenreflexion und soziale Hygiene braucht es auch in unseren Teams und Netzwerken. Nicht als Wohlfühlfaktoren, sondern als Voraussetzung visionsgetragener, zielorientierter und konzertierter Zusammenarbeit.
Die Zusammenarbeit in unseren nationalen und europäischen Netzwerken klappt schon recht gut und ist eine Stärke des VKHD, auch wenn nicht alles laut nach außen dringt. Besonders erfreut uns auch der Zusammenschluss von SHZ und QBKHD in der neu gegründeten Stiftung für Qualität in der homöopathischen Therapie, kurz SQhT.
Wirksam bleiben in einer polarisierten Welt
– Auge im Sturm und noch einmal Ökosophie –
Offiziell haben wir die Corona-Jahre hinter uns. Doch einige der psychosozialen und politischen Folgen wirken fort und scheinen nicht weniger komplex und zäh als Long-Covid und Post-Vac. Dazu rechne ich auch einen Schub der Polarisierung der Gesellschaft. Diese kann verdeckte Missstände zutage treten lassen, vermag uns aber auch zu spalten, wann immer wir nicht wirklich wach sind. Daher werden wir nicht jede Provokation beantworten, nicht über jedes Stöckchen springen, gleich ob von Gegnern oder von Akteuren, die besser mit als gegen uns arbeiten sollten. Als Verband müssen wir auch anders agieren, als dies beispielsweise in journalistischem Rahmen möglich ist. Manche Kritiker spiegeln uns ein Bild der Homöopathie als eine Glaubensgemeinschaft verrannter Fanatiker mit geringem Wirklichkeitsbezug. Ungünstig wäre es, uns von Empörungs-Reflexen treiben zu lassen und dann vielleicht gar noch Müsterchen zu liefern, die solche Bilder zu bestätigen scheinen. Es gilt, klug und mit Weitblick zu kommunizieren und einander zu ergänzen. Unsere Zusammenarbeit darf sich entsprechend differenzieren.
Es erfordert schon eine gewisse Kraft, dem allfälligen Wahnsinn um uns herum standzuhalten. – Bin ich ein Auge in der Mitte des Sturmes, bin ich die Leere zwischen den Schüttelschlägen oder stehen wir, umso mehr jetzt im Jahresbeginn, inmitten einer Fülle neuer Möglichkeiten? Als homöopathischer Praktiker weiß ich: Nicht äußere Macht, sondern qualitative Impulse sind entscheidend. Nicht alleine strategische Pläne, sondern Feuer und Kreativität einer auch inneren Erneuerung. So wie wir unsere Patientinnen und Patienten in ihrer Selbstwirksamkeit fördern, dürfen wir dies natürlich auch für uns selbst anwenden. Es kann helfen, unsere Leitsterne zu kennen und, wie im Abschnitt zur Ökologie-Bewegung beleuchtet, auch die eigenen Wurzeln. Die Zukunft aber ist, wie schon geschrieben, nicht Ökologie, sondern Ökosophie – naturgemäße Heilweisen wie die Homöopathie fänden dann ganz natürlicherweise ihren guten Platz. Für freie, gemeinschaftliche Bewegung – die Vereine nutzen kann, bei der aber jede, jeder in Freiheit nur sich selbst gehört – rufe ich gerne auf. Es gibt vielfältige Wege. Die Kreativität braucht nicht stehen bleiben bei der Abgabe von mit Hoffnung, Wut, Resignation oder dem frommen Wunsch nach Schadensbegrenzung beladenen Stimmzetteln.
Carl Classen
1 Tagesspiegel (11.01.2026), „Verwirrung um Parteitagsbeschluss“ https://www.tagesspiegel.de/politik/verwirrung-um-parteitagsbeschluss-sind-die-grunen-doch-wieder-fur-homoopathie-als-kassenleistung-15124518.html
2 https://evidenzbasierte-politik.de
3 Der Begriff „Binnenkonsens“ war zunächst eine Wortschöofung aus der Kritik am G-BA.
4 Rechtsgrundlage ist § 25 Nr. 6 AMG, https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/__25.html
5 Allenfalls indirekt, aufgrund einer Verschwiegenheitspflicht der Kommissionsmitglieder.
6 C. Classen (2016): Skeptiker und Skeptizisten, die Homöopathie und die Medien https://www.arscurandi.de/forschung-homoeopathie/skeptiker-und-medien/
7 Howick et al (2022): Most healthcare interventions tested in Cochrane Reviews are not effective according to high quality evidence: a systematic review and meta-analysis. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35447356/
8 Baumgartner: https://www.vkhd.de/blog-mobil/item/998-nichts-drin-viel-dran-replikation-des-wasserlinsenversuchs-gelungen https://www.ikim.unibe.ch/forschung/uebersichten_zum_stand_der_forschung/homoeopathie/index_ger.html Hamre et. al: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37805577/ Bornhöft/Matthiesen: https://www.arscurandi.de/wp-content/uploads/2014/12/Rezension_HTA_web.pdf
9 Ich nenne keine Quelle, da ich einen grundlegenden Ansatz und keine fertigen Konzepte bewege oder mich auf Fertiges beziehe. Das „Gesetz der gegenseitigen Erhaltung aller Wesen im Universum“ wird auch als spirituelles Prinzip des Melchizedek benannt.
10 Grün, auch für Leben, Hoffnung, Zukunft, ist eine der künstlerisch schwierig zu meisternden Farben. Marc Chagall konnte es.
11 Für Nicht-Homöopathen: In Organon § 153 fordert Samuel Hahnemann, sich bei der Bewertung von Patientensymptomen auf wesentliche und unterscheidungskräftige Merkmale zu konzentrieren.





